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Bilder auf Weltreise und Habenwollen

Mit jedem Buch, das von Wolfgang Ullrich erscheint, bestätigt sich einmal mehr, dass dieser Autor offensichtlich systematisch für einen Kunstunterricht (oder besser einen Bildunterricht) schreibt, der sich der Orientierung in einer von Bildern und Gestaltung geprägten Wirklichkeit verpflichtet fühlt. Das begann mit der Geschichte der Unschärfe, setzte sich fort mit Tiefer hängen und Was war Kunst?.
Innerhalb eines Jahres sind zwei weitere Bücher erschienen, die in diese Reihe passen:

Wolfgang Ullrich: Bilder auf Weltreise – Eine Globalisierungskritik, Berlin (Verlag Klaus Wagenbach) 2006 ISBN :  3-8031-5174-0, 144 Seiten, 19,50 €


Wolfgang Ullrich: Habenwollen – Wie funktioniert die Konsumkultur, Frankfurt am Main (S. Fischer Verlag) ISBN 3-10-086004-7, 216 Seiten 17,90 €
(Rezension in der NZZ)

Im Zentrum der Bilder auf Weltreise steht die Frage, welche Rolle Bilder in einer globalisierten Welt spielen, wie sie sich über kulturelle Grenzen hinweg behaupten und ob sie den Traum einer universellen Sprache erfüllen können. Untersucht werden die Bedingungen, unter denen die Bilder eingesetzt. Dabei liegt ein deutlicher Fokus auf den formalen Eigenschaften. Das Buch behandelt in den 23 Kapiteln ein sehr breites Spektrum: Stärke und Schwäche der Bilder werden ebenso untersucht wie der Versuch Otto Neuraths eine universelle Bilderschrift zu entwickeln. Einer der ersten weltweiten Einsatzbereiche der Bilder über kulturelle Grenzen hinweg war die Missionstätigkeit der christlichen Kirchen. Ullrich zeigt, dass es nicht die angeblich überkulturell gültigen Bilder des Klassizismus waren, die sich besonders eigneten sondern eher Bilder der Gotik, die Leiden drastisch zeigten. Die Bilder, die Zeugen Jehovas heute für ihre Missionsarbeit verwenden, werden ebenso behandelt wie die stock pictures, die in Internetdatenbanken für Grafikdesigner zum Herunterladen bereitgehalten werden, Logos ebenso wie die glatten Bilder eines Gerhard Richter und die Bildwelten des Fantasy. Die einzelnen Kapitel sind kurz und geben in der Kombination untereinander einen faszinierenden Einblick in Macht, Ohnmacht und Wirkungsweisen von Bildern heute.
Habenwollen hört sich an wie das Quengeln eines kleinen Kindes im Kaufhaus. In Wolfgang Ullrichs Buch steht es für nicht nur für das Besitzen, sondern auch für die damit verbundenen Vorstellungen. Wolfgang Ullrich wendet in diesem Buch die in der Kultur- und Kunstwissenschaft entwickelten Methoden auf Fragen um Konsumprodukte und Konsumgewohnheiten an. Im Zentrum steht Idee des Möglichkeitsraumes, der im realen wie im vorgestellten Konsum für die Sinnkonstruktion bestimmend ist.
Zunächst geht der Autor auf die Entwicklung der Konsumkultur ein, ein Abschnitt behandelt hier etwa die Dinge als Requisiten der Biografie: eine interessante Verbindung zu aktuellen kunstpädagogischen Ansätzen, etwa der Ästhetischen Forschung. Im zweiten Kapitel, das für die Kunst- und Werkpädagogik zentral ist, behandelt er die Ästhetik der Konsumkultur. Überzeugend zeigt er, wie sich gewisse Produkttypen in ihrer Erscheinungsform im Laufe der letzten Jahrzehnte verändert haben. Die gegenwärtigen Tendenzen werden entlang der Begriffe Komfort, Jungfräulichkeit, Zeitumkehr und Potenz beschrieben. Immer wieder werden Leser und Leserin zu schmunzelndem und überraschenden Erkenntnissen verleitet. Ausführlich werden dann in einem weiteren Kapitel die wissenschaftlichen Grundlagen der Konsumkultur behandelt: diese werden von einer von Geheimhaltung bestimmten Schattenwissenschaft bereitgestellt, die sich nur ungern in die Karten schauen lässt. Trotz dieser Vernebelungstaktik bietet das Buch viele wichtige und interessante Erkenntnisse aus Soziologie, Psychologie und auch Geisteswissenschaft, die zur Produktentwicklung herangezogen werden. In einem abschließenden Kapitel geht es um die Beschreibung unserer Kultur als einer Konsumkultur. Shopping etwa wird hier als ein quasi ästhetisches Lernen beschrieben, wenn die Shopper bei Konsumimaginationen alternative Persönlichkeitsentwürfe erproben…
Dass die Basis beider Bücher in den Kultur- und Kunstwissenschaften liegt, macht sie für den Kunst- und designorientierten Werkunterricht besonders anschlussfähig: Der Autor schreibt unsere Sprache. Beide Bücher sind gut lesbar geschrieben und eignen sich nicht nur für die Lehrerbibliothek. Sie bieten Anregungen und Grundlagen für Referate ebenso wie für Unterrichtsentwürfe. Wolfgang Ullrich sollte ein Schulbuch verfassen, das wäre eine große Hilfe für einen zeitgerechten Unterricht. 
NZZ
13. Januar 2007, :, Neue Zürcher Zeitung

Die meisten jedoch freuen sich

Wolfgang Ullrich fragt: Wie funktioniert die Konsumkultur?


«Noch für unsere Grosseltern war fast jedes Ding ein Gefäss, in dem sie Menschliches vorfanden und Menschliches hinzusparten. Nun drängen, von Amerika her, leere gleichgültige Dinge herüber, Schein-Dinge, Lebens-Attrappen . . .» Es war Rainer Maria Rilke, der solch melancholische Klage im Jahr 1925 einem Brief anvertraute. Wolfgang Ullrich, der sie in seinem Buch «Habenwollen» zitiert, setzt ihr frohgemut eine Botschaft entgegen, die nicht nur Rilke-Gläubige mit verwundertem Ohr vernehmen werden: Das, was Rilke vermisst habe an den als Massenware fabrizierten Alltagsgegenständen, werde heutigen Konsumenten zunehmend wieder zuteil. Zumindest Käufer «elitärer Markenartikel» wüssten davon zu berichten, wie ihr Leben durch das erworbene Produkt «intensiver und bewusster» werde. Der teure Füller vermöge zur Steigerung des Selbstwertgefühls beizutragen oder gar über eine Lebenskrise hinwegzuhelfen; und die Aussicht auf das, was damit alles geschrieben werden könnte, eröffne dem Besitzer - wer weiss - einen unermesslichen Zukunftshorizont, für den «sonst eine Freundin oder ein Ehemann» einzustehen hätten.

Es gärt
Ein solches Schreibgerät - edel, aber kein Einzelstück - löste also vielleicht das Versprechen ein, das das Wort «Konsumkultur» mit seinem zweiten Bestandteil gibt. Ein Füllfederhalter indes macht noch keinen Kultursommer. Ihren Namen muss sich die Konsumkultur, nach deren Funktionsweisen der Untertitel des Buches fragt, allererst verdienen. Das jedenfalls verrät uns der Autor auf den letzten Seiten. In den Kapiteln davor indes will und will der Eindruck nicht verfliegen, die freundliche Sonne der Veredlung und Verfeinerung scheine in der Welt der Produktästhetik und der Werbewirtschaft bereits ohne Unterlass auf die nach Selbstbestimmung und Selbsterweiterung sich sehnenden Subjekte, die fortan niemand mehr schnöde «Verbraucher» nennen wird.
Anders gesagt: Das Buch des studierten Kunsthistorikers und Philosophen, der sich mit einigen in weiterem Sinne kulturwissenschaftlichen Publikationen einen Namen gemacht hat, ist unausgegoren. Die am Ende sich abzeichnende Forderung nach differenzierter Geschmacksbildung passt nicht recht zusammen mit einer pauschalen Abwehr vermeintlich «pauschaler Konsumkritik», die sich reflexartig immer wieder bemerkbar macht. Für die gedankliche Fortbewegung, die aufs Ganze gesehen einer Kombination aus Eiertanz und Echternacher Springprozession ähneln mag, ist folgende Sequenz nicht untypisch. Sie schliesst sich an (erhellende) Betrachtungen zum Wandel im Produktdesign von Kofferradios und Staubsaugern an, deren Hersteller es - mit organischen Formen - vermehrt auf die emotionalen Bedürfnisse der Benutzer abgesehen hätten: «Natürlich veranlasste Gewinnstreben und nicht Humanismus diese Entwicklung, und der Konsument könnte sich auch bedrängt fühlen von so viel Einfühlung in seine Psyche. Die meisten jedoch freuen sich über Dinge, die eine schnöde Tätigkeit zu einem kleinen Erlebnis werden lassen und zu denen man ein quasi-persönliches Verhältnis aufbauen kann.»
Die meisten jedoch freuen sich - so liesse sich auch das Lebensgefühl formulieren, das das eingängig geschriebene Buch verströmt. Gleichwohl sollte man es nicht nach dem ersten oder zweiten Verdutztsein schon aus der Hand legen. Es gibt anregende Einblicke in die Geschichte und die Ästhetik der Konsumkultur und in die Wissenschaften, die an ihrer Etablierung und Fortbildung beteiligt sind. Dabei führt es auf die Fährte von Diskussionen, die ihren Schwerpunkt im angelsächsischen Raum haben.

«Schattenwissenschaft»
In historischer Perspektive, so erfährt man unter anderem, lasse sich von einer Ablösung des - vornehmlich am Geldwert gemessenen - Statussymbols durch das Image einer Marke sprechen. Die Markenprodukte würden zu «Biografie-Requisiten», die mit ihnen verknüpften vagen Sinnverheissungen fänden Eingang in Selbstinszenierungen der Käufer. Der Markenkult sei allerdings nur eine Form, um dem «Wunsch nach einem Surplus an Möglichkeiten» Ausdruck zu verleihen. Ullrich registriert eine andere Form, recht eigentlich eine «Gegentendenz»: den Billigkonsum, dem nicht nur finanziell weniger gut Ausgestattete frönen. Auch er freilich wird inzwischen von Marken, Billigmarken eben, dominiert.
Dem Weg der Gebrauchsgegenstände zur Lifestyle-Requisite entspricht, folgt man dem Autor weiter, in gewisser Weise auch die Ablösung der Soziologie durch die Psychologie als Leitwissenschaft der Marktforschung. Aber auch die omnipräsente Hirnforschung spielt mittlerweile ihre Rolle, wenn es darum geht, unbewusste Kaufentscheidungen wirksam zu beeinflussen. Der Autor nennt die involvierte Wissenschaft der Verschwiegenheit wegen, zu der sie - Stichwort: Betriebsgeheimnis - nicht selten verpflichtet ist, «Geheimwissenschaft». Er spricht dabei, wie einer Notiz zu entnehmen ist, aus eigener Erfahrung (mit der Volkswagen AG und der Karstadt- Quelle AG). Auch Geisteswissenschafter «können sich heute für Unternehmen nützlich machen»; doch erst eine universitär institutionalisierte «Konsumwissenschaft», die von den Aufträgen einzelner Unternehmen unabhängig wäre, vermöchte, so erhofft Wolfgang Ullrich sich, «zu einer allgemeinen Steigerung des Reflexionsniveaus» beizutragen. - Sein Buch hat dies Niveau, alles in allem, zumindest nicht abgesenkt.

Uwe Justus Wenzel


Wolfgang Ullrich: Habenwollen. Wie funktioniert die Konsumkultur? S. Fischer, Frankfurt am Main 2006. 219 S., Fr. 31.70.

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Diesen Artikel finden Sie auf NZZ Online unter:
http://www.nzz.ch/2007/01/13/fe/articleET940.html

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Franz Billmayer, 30.11.2006
zuletzt geändert: 14.1.2007