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interessantes

Beispiel Kreta
Kunst
        

Anberührte Bilder

Die folgenden Beispiele stammen aus dem Katalog zur Ausstellung "Maria allerorten" - Die Muttergottes mit dem geneigten Haupt, 1699-1999, Das Gnadenbild der Ursulinen zu Landshut - Altbayerische Marienfrömmigkeit im 18. Jahrhundert, Landshut 1999 (Schriften aus den Museen der Stadt Landshut 5)


Gnadenbildern wird seit altersher eine heilsame und wuntertätige Macht zugeschrieben. Die Gläubigen wollten diese heilende Kraft immer um sich haben, deshalb wurden Kopien unterschiedlichster Art gefertigt. Diese Kopien sollten, um die richtige Wirkung entfalten zu können möglichst echt sein, bzw. mit dem Original in "Verbindung" stehen. Dies erreichte man dadurch, dass man mit den Kopien das Gnadenbild berührte und so dessen Kraft auf die Kopie überging.
Dafür gibt es ein historisches Beispiel einer frühen Marienikone in Rom und dann ein Beispiel aus Salzburg im 17. Jahrhundert:


"Wie eine Reliquie wurden im Mittelalter die Reste einer monumentalen Marienikone ... in Rom behandelt: sie stammte aus der Kirche S. Maria Antiqua, die im 9. Jahrhundert aufgegeben werden mußte und in S. Francesca Romana eine Nachfolgerin gefunden hatte. Dort entdeckte man im letzten Jahrhundert bei Restaurierungsarbeiten am Gnadenbild nicht nur eine Temperaschicht des 13. Jahrhunderts, sondern auch Reste der originalen Wachsmalerei auf Leinwand. Man hatte im Mittelalter, als das Gnadenbild weitgehend neu gestaltet wurde, die originalen Köpfe von Madonna und Kind ausgeschnitten und unter der Neubemalung erhalten. Das spätantike Original blieb auf diese Weise physisch erhalten, das mittelalterliche Bild bzog seine Kraft aus der steten Berührung mit ihm.
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Wichtiger als die Exatheit einer Kopie im streng kunsthistorischen Sinn - also die präzise Wiedergabe aller stilistischen Merkmale - war für die Gläubigen neben dem Berührtsein am Original oft der Hinweis auf die identische Größe. So kennen wir beispielsweise von dem Gnadenbild von Maria Plain ... einen Kupferstich ... eines Augsburger Stechers aus dem Jahr 1678, der bezeichnet ist als Wahre Abbildung und Größe des Ersten Wunderbarlichen Bilds Maria Trost auf dem Plain bey Salzburg, geweyhet und anberührt Ao 1678. In zweifacher Weise authentisch also ist diese Abbildung: Sie hat das wahre Maß und sie wurde am Urbild berührt. Diese Gepflogenheit lässt sich auch an anderen Beispielen süddeutscher Marienwallfahrten nachweisen."
(Nina Gockerl: "... ist anberührt und hat die wahrhaffte läng und dick...." in ebenda, S.123ff, S.125)



kopien von gnadenbildern in einer truhe aus dem trentino, tiroler volkskunstmuseum innsbruck


ausschnitt

Verwendungszusammenhang. das Foto zeigt die Innenseite eines Truhendeckels aus dem 19. Jahrhundert, die verschiedenen Gnadenbilder repräsentieren gleichsam einen Ausschnitt einer Wallfahrtsbiografie. Die Truhe stammt aus dem Trentino und steht im Tiroler Volkskunstmuseum in Innsbruck.

Kunst

Frage:
Wie werden Kunstwerke zu echten Kunstwerken?
Kreta
In Bringéus, Nils-Arvid. (1981). Bildlore. Södertälje: Gidlunds. findet sich unter Verweis auf einen Vortrag von Rydén (1979) folgender Hinweis über den Bildgebrauch im Bereich der griechisch-orthodoxen Kirche:
"Die Älteren tragen nicht selten die Ikonen von Zuhause in die Kirche, damit sie sich während einer längeren oder kürzeren Inkubationszeit mit neuer Kraft "aufladen". Die Heiligen kommen dadurch näher zu den Menschen, sagte mir neulich ein Informant auf Kreta." (Übers. F.B.)


Franz Billmayer, 28.10. 2006
zuletzt geändert 4.6.2007