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Dekoration und Verzierung <<< zurück

Dekorationen und Verzierungen sind wichtige Kommunikations- und Gestaltungsmittel. Auf sie wird allgemein ein hoher finanzieller, zeitlicher und mentaler Aufwand betrieben. Dekorationen bestimmen unseren Alltag, sie geben Auskunft über Wertschätzung, soziale Beziehungen, Einstellungen und den Charakter von Botschaften.

 
Screenshot zu "dekorativ" google.com.kh (21.4.2011)

innen bemalte Flasche  
innen bemalte Flasche (China) / Hochzeitsbild (Volksk-m Erfurt)

Bettbezug im Blaudruck (Volkskundemuseum Erfurt)

Besondere Gestaltung: Schlüsselanhänger aus Kronkorken
bei http://www.shop-afrika.de/ gibt viele Beispiele

Tischdeko bei einem Staatsbankett in Berlin

Innenraum in Japan - Ordnung, bewusste Gestaltung

Rokoko in Franken - Wahrnehmungsoverload (Spiegel, Bilder, Rocaillen). Aufwändig in Material, Herstellung, Pflege und Unterhalt

Passend: Eine Schale mit Traubendekor (China Anfang 15. Jh.) darin kann am kaiserlichen Hof kein Fisch serviert werden.
Dekorationen sind allgegenwärtig. Sie helfen bei der Kommunikation und der Orientierung in der visuellen Welt. Sie spiegeln soziale Beziehungen wieder und sie machen die Welt schöner. Sie sind offensichtlich ein grundlegendes (soziales) Bedürfnis, was sich in Geschenkeläden, Baumärkten, Möbelhäusern, Blumenläden, Teppichläden, Innenausstattern, Gartencentern usw. zeigt. Deshalb werden sie im Bildunterricht thematisiert. Hier wird ein erster Versuch zur Strukturierung für den Unterricht gemacht.

Dekoration semiotisch I

Nach Rudi Kellers Zeichenarten lassen sich Dekorationen und Verzierungen zunächst als Symptome verstehen. Rudi Keller teilt die Zeichen nach der Art des Schließens (Interpretierens) ein. Symptome sind (An)zeichen. Wir verwenden Kausalität, um vom Zeichen auf das Gemeinte zu schließen. z.B. Blumen verwelken schnell - auf dem Tisch sind frisch blühende Blumen - die wurden erst vor kurzem hingestellt - hier bemüht sich jemand. Ein geschnitzter Holzrahmen - Schnitzen erfordert Kunstfertigkeit, Sorgfalt und Zeit - jemandem ist das damit gerahmte Bild entsprechendes Wert. Durch Wiederholung kann aus dem kausalen Schließen ein Schließen aufgrund einer Regel werden, damit haben wir nach Keller ein Symbol: elektrische Kerzen können "echte" ersetzen. Seit dem Barock wird Marmor durch Malerei und Stuck nachgeahmt und Dekordrucke finden sich heute überall. Aus dieser "symbolischen" Verwendung hat sich die Ablehnung (als Lüge) in der Moderne entwickelt.

Strukturelles (ein Versuch)

Dekorationen und Verzierungen sollen die Attraktivität steigern und den sozialen Wert bezeichnen. Dekorationen sind von der Funktion ausgesehen überflüssig und bieten ein Wahrnehmungsangebot, das in der Regel Wohlgefallen auslöst.
Die Botschaft lässt sich letztlich aus den Faktoren Zeit, Material, Wahrnehmungsangebot und Bedachtsamkeit herleiten.

Zeit

Aus meiner Sicht ist der Zeitaufwand der grundlegende Moment. Zeitaufwand ist immer relativ: es ist meist der Unterschied zwischen notwendig und Überfluss.
Ordnung erfordert Zeit. Ordnung bedeutet, dass die Gegenstände und Vorgänge extrem unwahrscheinlich angeordnet sind. zum Beispiel ist der rechte Winkel im Vergleich zu allen anderen unwahrscheinlich, ebenso verhält es sich mit der Symmetrie. Ordnung zu halten, ist deshalb zeitaufwändig.
woran wir Ordnung erkennen: rechter Winkel, Mitte, Symmetrie, Muster, Wiederholung von Winkeln, drapierte Vorhänge, Girlanden ...
Sauberkeit ist wie Ordnung schwer aufrechtzuerhalten: glatte Oberflächen, Spiegel, aufwändig zu reinigende Ornamente, empfindliche Textilien, Bilder, Nippes,
Pflege: Pflanzen, Kerzenlicht, Feuer, Aquarien, Textilien ...
Herstellung: Ornamente, Tischdekorationen, Muster, Stickereien, Klosterarbeiten, Flechtarbeiten, Bordüren, Schnitzereien, Reliefs, Malereien, Marmorierung, Einlegearbeiten, Zierleisten, Stuck, Teppiche ...

Wahrnehmungsangebot

Dekorationen und Verzierungen bieten dem Auge Wahrnehmungsangebote, die über die Funktion hinaus gehen: Bilder, Muster, Imitationen, Spiegelungen, Lichteffekte, Aquarien, Pflanzen, Bemalungen, Reliefs, Furnier, Leisten, ...

Material

selten, wertvoll, glänzend, ungewöhnlich,

Bedachtsamkeit

die Dekoration ist "passend" (Weihnachten, Fasching, Ostern, Hochzeit ...), der Situation angemessen, speziell ausgewählt, besonders gestaltet, Konvention wird eingehalten oder durchbrochen, Maß des Konventionsbruchs, ...

Dekoration semiotisch II

Wie Dekorationen ausschauen sollen und wie sie verwendet werden, ist je nach Situation mehr oder weniger geregelt. Ein Staatsbesuch ohne roten Teppich, ein Hochzeitsessen ohne Blumenschmuck schwierig. Gehobene Gastronomie ohne Tischdecken und besonders gefaltete Servietten schwierig. Ein katholischer Ostergottesdienst ohne Blumen. In den Dekorationen zeigen sich immer auch soziale Verhältnisse und damit Macht. Das lässt sich auch an der Sprache zeigen, die hierarchisch tiefer stehende Person verwendet eine aufwändigere dekorreichere Sprache. Im einzelnen wird im Bildunterricht immer wieder die Fragen von Macht und Kommunikation auch an der Dekoration gezeigt werden können.







Franz Billmayer, 22.4.2011