bilderlernen.at ist ein Projekt der Bildnerischen Erziehung an der Universität Mozarteum Salzburg         
home  aufgaben  forschung  theoretisches  methoden  bilder  mehr bilder  historisches  tipps  links  mehr links

visual literacy - visuelle Literalität als Basis für Kompetenzen in der Bilddidaktik <<< zurück

Visual literacy oder in letzter Zeit eingedeutsch "visuelle Literalität" kann sich als Basis für Kompetenzbeschreibungen für die Bilddidaktik eignen. Dazu soll kurz beschrieben werden, was hier eine Rolle spielen soll. Daraus können dann Kompetenzbeschreibungen abgeleitet werden.
 
"It is no longer possible to think about literacy in isolation from a vast array of social, technological and economic factors. Two distinct yet related factors deserve to particularly highlighted. These are, on the one hand, the broad move from the now centuries-long dominancs of writing to the new dominance of the image and, on the other hand, the move from the dominance of the medium of the book to the dominance of the medium of the screen. These two together are producing a revolution in the uses and effects of literacy and of associated means for representing and communicating at every level and in every domain."
(Kress, Gunther R., Literacy in the new media age, London [u.a.]: Routledge, 2003., S.1)

Kress, Gunther, Multimodality- A social semiotic approach to contemporarycommunication, London: Routledge, 2010.

Vor der Erfindung von Buchdruck und preiswerter Produktion von Papier war Lesen und Schreiben keine für ein jedes wichtige Kompetenz - es reichte, wenn man jemanden kannte, der beides konnte. Mit dem Buchdruck, dem neuen Lesestoff, dem billigeren Papier und neuen Transportmöglichkeiten änderte sich das. Lesen und Schreiben wurde zunehmend zu einer Frage der Allgemeinbildung, damit gab es auch die Notwendigkeit des Grammatikunterrichts - Grammatikregeln mussten überhaupt erst formuliert werden.

So ähnlich war es mit der visuellen Gestaltung bevor Bild- und Textverarbeitungsprogramme billig und einfach zu bedienen waren. Visuelle Gestaltung war etwas für Profis, die aus Erfahrung und mit Intuition ihrem Geschäft nachgingen. Heute wird in vielen Berufen erwartet, dass die visuelle Seite der Kommunikation mitbedacht wird. Mit den Möglichkeiten steigt die Möglichkeit Fehler zu machen. Wir brauchen in Zukunft vermutlich ähnliches Wissen wie damals.


Literalität

Der Begriff Literalität kommt aus dem Englischen (literacy). Traditionell versteht man darunter die Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben: den Sinn von Texten erschließen können und Texte verfassen und schreiben können, deren Sinn andere erschließen können. Visuelle Literalität würde die Fähigkeit bedeuten, visuelle Gestaltung im Allgemeinen und Bilder im Besonderen angemessen zu verstehen, zu verwenden und herzustellen.
Literaltität fordert eine pragmatische Sicht auf Lesen und Schreiben, visuelle Literalität eine auf visuelle Gestaltung und Bilder. Die Kompetenzen dienen zum Lösen von Problemen, zum Erreichen von Erfordernissen und helfen bei den damit zusammenhängenden Handlungen und Tätigkeiten. Ein Schwerpunkt liegt hier sicherlich in der Kommunikation im weitesten Sinne. Damit sind die Kompetenzen, die zur visuellen Literalität beitragen, abhängig von Gesellschaft, Kultur und historischer Situation. Jede Gesellschaft stellt bestimmte technische Medien und Zeichensysteme bereit und regelt in ihrer Kultur wie diese jeweils genutzt werden können. Es gibt also technische Voraussetzungen, semiotische Bedingungen und soziale Konventionen:
  • mediale technische Voraussetzungen: Techniken der Bild- und Textherstellung, Möglichkeiten zur Veröffentlichung und Verbreitung, mediale Bedingungen (Kosten für Herstellung und Verbreitung)
  • semiotische Voraussetzungen: Zeichensysteme (Sprache, Schrift, Bilder), Medienformate (Talkshow, Nachrichten, Zeitung, Plakat &c. pp)
  • soziale Konventionen: Was kann zum Gegenstand von Kommunikation gemacht werden, was nicht? Wie geht das? Wem stehen welche Ressourcen zur Verfügung?
Bei sozialen Faktoren müssen die Machtverhältnisse mitbedacht werden: wer muss die semiotische Arbeit leisten muss? Wer kontrolliert die jeweiligen Medien? Wer kann wie Aufmerksamkeit beanspruchen und generieren? Welche Interessen sind im Spiel?

Domänen 

Damit können wir in drei Domänen Kompetenzen unterscheiden
  • Technik, Werkzeuge, Material, technische Seite der Medien: Fotografieren, Bildbearbeitung, Bilder erzeugen, Video, Zeichnen (?), Desktoppublishing, Präsentationen
  • Zeichensysteme, Code: Kenntnis wesentlicher Regeln zum Gestalten von Bildern, Bild-Text-Kombinationen, Texten. Grammatik und Code des visuellen Gestaltens, Kenntnisse über Regeln verschiedener Formate (z.B. Nachricht, Einladung, Parodie, Protokoll … &c.)
  • Kulturelle Kenntnisse, welche Regeln gelten hinsichtlich des so genannten „Angemessenen“?
Damit hätten wir die Kreativität draußen, sie wäre endlich nicht mehr fachspezifisch sondern eine für ganz seltene Gelegenheiten angebrachte Methode, Aufmerksamkeit zu erregen. Kreativität wäre eine (ungewöhnliche) Variation in einer, zwei oder drei Domänen, dazu braucht es allerdings das Wissen, wie weit man gehen kann.

Europa und die Welt

Visuelle Literalität muss die besonderen Bedingungen der Kommunikation in Europa berücksichtigen. Dazu kommt noch ein grundsätzliches Verständnis für Kulturen allgemein (so genannte Globalisierung). Dazu braucht es strukturelle Kenntnisse – Metawissen – diese sind relativ konstant, Einzelheiten unterliegen Moden und Trends.

Multimodalität (Kress 2010)

Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern machte eine Trennung von Text und Bild technisch notwendig. Wissenschaften und mit ihnen die entsprechenden Schulfächer (z. B. Deutsch - Kunst) haben aus dieser Trennung verschiedene Fachgebiete gemacht.
Die technische Trennung ist mit den digitalen Medien nicht notwendig. Damit rückt der Begriff der Multimodalität von Kommunikation in den letzten Jahren in den Fokus der Wissenschaft und des Kommunikationsdesigns. Multimodalität bedeutet, dass mehrere unterschiedliche kommunikative Kanäle genutzt werden. Bedeutend ist das gemeinsame Auftreten von Sprache, Schrift und Bild: Printmedien, Internet, Television, soziale Netzwerke überall finden wir diese Kombinationen. Aber auch das Design von Produkten, Architektur und Innenarchitektur, sowie Farbe spielen eine bedeutende Rolle. Das ist nicht neu, wird aber erst in letzter Zeit bewusst untersucht und verwendet. Nachrichtensender wären hier ein gutes Beispiel: gesprochene Sprache, bewegte Kamerabilder, animierte Bilder, Textbänder, Zeitangabe, Diagramme, Aufmerksamkeit erzeugende Animationen als Dekorationen.
Das Paradigma für die derzeitige Kommunikation ist der Bildschirm – genauer gesagt die Internetseite (das zeigt sich deutlich an aktuellen Schulbüchern, Publikumszeitschriften, Nachrichtensendungen).
Im Internet sprechen wir von Nutzern oder Besuchern, diese unterscheiden sich von den traditionellen Lesern. Traditionelle Leser bemühen sich darum, etwas zu verstehen, was ein Autor (früher) gedacht und geschrieben hat. Diese Vorstellung bestimmt weitgehend den schulischen Unterricht, den Deutschunterricht ebenso wie den Kunstunterricht. Besucher von Webseiten verhalten sich anders. Sie stellen sich den Sinn selbst zusammen, sie wollen auswählen und sich nicht gängeln lassen. Sie werden damit zu den „Designern“ (Kress) des Sinns der Botschaft. Sie haben damit eine veränderte Verantwortung?

WAS BEDEUTET DAS FÜR DEN BILDUNTERRICHT? (eine echte Frage)

Visuelles weniger kodiert

Die Entschlüsselung von Bildern ist wesentlich weniger konventionalisiert als die von Texten und Schrift, damit ist auch hier der Betrachter wesentlich „freier“ und damit vielleicht auch unsicherer? (Diese Fragen der Verantwortung des Users würde ich gerne eingehender diskutieren F.B.) Die visuelle Seite der Kommunikation wird zunehmen und damit werden wir vermutlich auch hier stärkere Konventionen und Regeln bekommen.

leichtverständliche Fotos

Fotografische Bilder werden leicht so leicht verstanden, dass sie oft gar nicht als „Botschaften“ bemerkt werden. Bilder können so unter der Bewusstseinsschwelle auf unsere Vorstellungen von uns und der Welt Einfluss nehmen. Literalität müsste dies kritisch erkennen können.

visuelle Gestaltung - einfach

Die digitalen Techniken haben dazu geführt, dass visuelle Gestaltung einfach geworden ist:
·         Bilder lassen sich leicht, einfach und schnell herstellen, bearbeiten und veröffentlichen
·         Texte und Bilder lassen sich einfach kombinieren
·         Schriften lassen sich einfach generieren und verändern.
Damit sind die Möglichkeiten visueller Gestaltung unermesslich vielfältig geworden. Die Möglichkeiten erfordern formale Entscheidungen, die jeweils einen Unterschied in der Bedeutung und damit der Botschaft machen (Schriftart und Schriftgröße waren bei einem 1970 vervielfältigten Schreibmaschinentext keine Entscheidung und damit auch nicht „bedeutungsrelevant“).

Unzählige Bedeutungsvarianten

Die unterschiedlichen Möglichkeiten der Bedeutungserzeugung lassen sich heute nicht mehr seriös berechnen, da dauernd neue Alternativen dazu gekommen. Möglichkeiten, Fehler bei der Produktion und Rezeption von Botschaften zu machen, wachsen entsprechend.
Das beinhaltet für visuelle Literalität hinsichtlich multimodaler Kommunikation:
·         Schrift: Schriftart, Schriftgröße, Schriftfarbe, Schriftschnitt usw.
·         Lay-out: Format, räumliche Anordnung, Medium (Bildschirm, Papier und Papierqualität)
·         Bilder: Format, Rahmen, Abstraktionsgrad, Ikonizitätsgrad, Schärfe, Größe, Beleuchtung, Räumlichkeit
·         Farbe
·         Material
·         ….
·         Die Kombination all dieser Faktoren
Insgesamt gesehen können wir vielleicht von Stil sprechen.

Angemessenheit

Diese Entscheidungen fallen jeweils vor dem Hintergrund der spezifischen Situation und den Zielen, die verfolgt werden. Zum erfolgreichen Kommunizieren (als Sender und Empfänger) muss man über diese Bedingungen Bescheid wissen. Aus der Rhetorik gibt es hier den Begriff der Angemessenheit, „… dass die Botschaft passt“. Dies bedeutet vor allem Wissen um kulturelle Eigenheiten und um Gesetzmäßigkeiten von Kulturen überhaupt. Wie oben schon erwähnt, kann es hier nicht darum gehen, für alle möglichen Kulturen die jeweiligen Besonderheiten zu kennen. Viel mehr ist es notwendig grundsätzliche Bedingungen und Aufgaben von Kultur zu verstehen: Inklusion, Exklusion, Tradition, Innovation, Selbstbeobachtung, Kommunikation, Herstellen von Vorhersehbarkeit, Kontrolle sozialen Verhaltens, Komplexitätsreduktion, Unterhaltung ...
Visuelle Kommunikation ist heute in vielen Bereichen zu einer Anforderung geworden, die von den meisten Menschen in ihrem Beruf erwartet wird. Es ist wichtig, dass über diese Tätigkeiten nachgedacht und kommuniziert werden kann. Dazu braucht es ein gewisses Repertoire an Fachausdrücken.

Bilder als Mittel der Wissensgenerierung

Bilder werden heute auch zunehmend als Mittel und Werkzeuge verwendet, um bestimmte Gebiete zu untersuchen und zu erforschen (Naturwissenschaften, Kulturwissenschaften, Geisteswissenschaften, Marketing, Mathematik, Technik &c.). Aus meiner Sicht handelt es sich um Produktion von „Bildern“ (Simulation, Pläne, Skizzen, Animationen, Fotografien, Diagramme …) und um Interpretation von Bildern. Traditionell können wir bei der Röntgendiagnostik anfangen und bei den errechneten Bildern in der Astrophysik aufhören. Ein weites Feld, das eigene Kompetenzen verlangt.







Franz Billmayer, 15.4.2011