60 SEKUNDEN FÜR

Touristen

Das waren noch Zeiten, als Kunst und Archi­tektur auch dazu dienten, dem Auge zu ge­fallen und der Seele gut zu tun. Heutzutage gilt oft nur, was hässlich ist, Sheffield zum Beispiel. Die ehemalige Stahlstadt ist zur postindustriellen Brache verkommen, von der Welt vergessen und von Städteplanern verstümmelt. Aber ausgerechnet Sheffield darf Großbritannien nun auf der Architektur-Biennale in Venedig vertreten. Vor großem Publikum will sich die Stadt in ihrer ganzen Hässlichkeit präsentieren - und da­mit die Wirtschaft ankurbeln. Tourismus! Kunst! Kneipen! Auf einer trostlosen urba­nen Bühne soll eine ausgeflippte Künstler­szene gedeihen, die soll Besucher anlocken, die in schicken Hotels wohnen und viel Geld in Nachtclubs ausgeben.

Ach ja, Tourismus - für Berlin klingt das  vertraut. Was bleibt der deutschen Haupt­stadt auch sonst? Jetzt kommen sogar Plüsch­tiere an die Spree, Teddys, Elche, Hasen und andere Vierbeiner. Die putzigen Touristen werden von Menschen auf die Reise ge­schickt, die selbst' nicht reisen wollen. Im Fahrradanhänger klappern sie unter Führung eines kundigen Reiseleiters die Sehenswür­digkeiten ab, das Ganze wird mit Schnapp­schüssen dokumentiert, und dann geht es per Post wieder nach Hause: Vielleicht sollte ' sich Sheffield an Berlin ein Beispiel nehmen. Aber Deutschlands Kapitale ist ja auch nicht auf der Biennale.      

JOHN F. JUNGCLAUSSEN in der Zeit Nr.38 vom 14. September 2006, S.25

Plüschtiere am Ayers Rock
ayersrock
Ein Tourist hat zwei kleine Plüschtiere am Sonnenuntergangsparkplatz beim Ayers Rock in Australien auf einen Zaunpfosten gestellt.
Gleich wird er sie fotografieren.