bilderlernen.at
interessante_bilder
bilder_der_woche

"... mehr denn je eine Verwirklichung der Gegenwart."

Kunstbegleittext zu Anish Kapoors Ausstellung im Haus der Kunst München.
siehe auch:
bild als prädikat
Aufgaben zu diesem Text Der folgende Text steht am Eingang zu der Ausstellung im Haus der Kunst. Nach meiner Beobachtung wird er von ca. 50% der BesucherInnen gelesen oder zumindest angelesen und offensichtlich ernst genommen. Niemand lacht oder protestiert.

Svayambh Ein Block in geologischer Bewegung - Wachs, Vaseline und Farbe werden durch das Haus der Kunst geschoben.

Svayambh deutbar als Körper und Blut


Yellow

viele Bilder zu der Ausstellung finden sich auf www.flickr.com
"„Das wildeste Tier kennt doch des Mitleids Regung.
Ich kenne keines, und bin daher kein Tier“
(William Shakespeare, Richard III, Akt 1. Szene II)
 

Anish Kapoor (* 1954, Bombay) hat eigens für das Haus der Kunst eine neue Arbeit geschaffen: Svayambh, in Sanskrit „Svayambhu(v)“, das „ von einem selbst erzeugt“ oder „selbst erzeugt“ bedeutet, ist der Titel sowohl des Werks als auch der Ausstellung.

Svayambh ist ein Klotz aus rotem Material - Wachs, Farbe und Vaseline - der das Gebäude in gerader Linie durchquert. Der 40 Tonnen schwere Klotz, der größer ist als die Durchgänge, die er durchqueren muss, wird durch das Gebäude verformt und modelliert. In dieser Arbeit treffen Architektur und Skulptur aufeinander und fungieren als Verbindung von Geologie und Biologie. Die rote Masse ist deutbar als Körper und Blut, ebenfalls jedoch auch als Zeugnis dieser "geologischen" Bewegnung durch den Raum.

In Kapoors Schaffen ist die Materie von zentraler Bedeutung, allerdings stets verbunden mit einer Idee von Präsenz und Spiritualität, welche die oberflächliche „Tatsächlichkeit“ des Objekts übersteigt. In Kapoors Worten: „Materie führte in gewisser Weise immer zu etwas Immateriellem“. Er betrachtet dies als zwar fundamental widersprüchliche, dabei aber stets komplementäre Bedingung der materiellen Welt. Besonders deutlich werden diese dialogischen Kontraste in Kapoors Arbeiten für den öffentlichen Raum, die in den letzten Jahren entstanden sind. Trotz ihrer oft monumentalen Ausmaße wird durch organische Formen und Kugeln eine Stimmung atmosphärischer Sinnlichkeit, ja Sexualität erzeugt. Allgemein finden sich biomorphe Formationen in zunehmendem Maße in der zeitgenössischen Architektur; Kapoor selbst war in Zusammenarbeit mit bekannten Architekten an mehreren Projekten beteiligt.

„Die Idee besteht darin, ein Objekt zu machen, das kein Objekt ist, ein Loch in den Raum zu machen, etwas zu machen, das es in Wirklichkeit nicht gibt.“ (Anish Kapoor)

Eine frühere Arbeit in der Ausstellung, To Reflect an Intimate Part of Red (1981), eine Gruppe von Standobjekten, die mit roten und gelben Pigmenten bedeckt sind, zeigt Kapoors frühe Auseinandersetzung mit Farbe. Eine ähnliche Intensität zeichnet auch Yellow (1999) aus, das den Besucher mit seiner großformatigen konkaven und gelben Wand zu verschlingen droht. Diese Art physischer Interaktion zwischen Betrachter und Kunstwerk ist ein bedeutsamer Bestandteil von Kapoors gesamtem Oeuvre. Sie kann auch an Arbeiten wie S-Curve (2006) erfahren werden, einer Skulptur aus poliertem Edelstahl, dessen gewellte S-Form den Betrachter mehrfach spiegelt, und C-Curve (2007), das Betrachter und Umgebung reflektiert und zugleich verzerrt.

Kapoors Ansatz überschreitet die Grenzen zu verschiedenen anderen Disziplinen. Sein Schaffen schließt wichtige Fragen aus Architektur, Design, Philosophie und Wissenschaft ein. Seine umfassende, ehrgeizige Arbeitsmethode, die in dieser Ausstellung zum Ausdruck kommt, offenbart seine Bezugnahme auf die wichtigsten künstlerischen Avantgarden des 20. und auch des 21. Jahrhunderts: von der produktionistischen Kultur der russischen Kunst- und Architektur-Avantgarde über den „desublimierten“ Ansatz der Maler Jackson Pollock und Cy Twombly, die ästhetisch-politischen Fragen zu kultureller Differenz und der Migration von Formen, die Autoren wie Salman Rushdie und Homi Bhabha aufwerfen, bis zu den historischen Grundlagen futuristischer technologischer Errungenschaften durch bahnbrechende Denker wie Peter Sloterdijk und Cecil Balmond.

Bei Kapoors neuen kinetischen Objekten und Raumobjekten in dieser Ausstellung scheinen Begriffe von Leichtigkeit, Langsamkeit und Wachstum die Inspiration und treibende Kraft.

All diesem eingewurzelt ist Kapoors Ausdruck einer Art Beklemmung, die er durch unverhohlene Zeichen und förmliche Bezugnahme auf Sexualität und Gewalt zum Ausdruck bringt: das Unsagbare wird ausgesprochen. Die roten Fragmente, wie Körperflüssigkeiten, werden durch bedrohliche Maschinerie freigesetzt, durch überdimensionierte sexuelle Formen, körperliche Ausstülpungen und Einschnitte in den Wänden. Dies steht in krassem Gegensatz zu Kapoors früheren, weitaus ebenmäßigeren Arbeiten, die auf der Grenze zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem schweben. Es scheint, als habe Kapoor erkannt, dass seine Kunst von den individuellen und gesellschaftlichen Konflikten der Welt nicht zu trennen ist.

Es ist vielleicht aufschlussreich, dass dieser Wandel in einem Gebäude stattfindet, das bekannt ist für seine Geschichte von Stein gewordener Brutalität und Bilderstürmerei.

Abermals, doch in völlig neuer Weise, lädt Anish Kapoor dazu ein, zurückzutreten und etwas zu erleben, das - in der Tat - als Nachbild auf unserer Netzhaut erscheint; oder sollte man besser sagen: als Nachwehen? Wachstum, so glaubt und zeigt Kapoor, kann nicht geschehen ohne „blutige Konflikte“. Die Spiritualität in Anish Kapoors Oeuvre ist demnach mehr denn je eine Verwirklichung der Gegenwart."

Textanalyse
Eine kritische Kunstpädagogik kann nicht einfach das, was in Ausstellungen behauptet, unkritisch hinnehmen.
Diese Übung soll exemplarisch Anregungen zur Analyse von Kunstbegleitliteratur geben.
Der Text ist exemplarisch lässt sich durch viele andere ähnliche ersetzen. Eine Zusammenarbeit mit Deutsch bietet sich an.
Informieren Sie sich im Internet über die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten von A. Kapoor.
Bearbeiten Sie eines der folgenden Themen:
- Welches Wissen setzt dieser Text bei seinen Lesern voraus?
- Was soll durch die Verschränkung von Widersprüchen oder scheinbaren Widersprüchen erreicht werden? Was ist die Botschaft derartiger Argumentationen? Beispiele
- Zeigen Sie, wie in diesem Text der Anspruch, Kunst sei ein umfassendes Modell der Welterklärung, untermauert wird. Beispiele
- Welche Wirkung erzeugt die "Personalisierung" des so genannten "roten Klotzes" im 3. Absatz?
- Welche Disziplinen werden herangezogen, um die Bedeutung der Arbeiten von A. Kapoor zu unterstreichen? Versuchen Sie statt dieser Disziplinen andere in den Text einzusetzen. Beschreiben Sie, wie sich dadurch die Bedeutung des Textes verändert.
- Erörtern Sie die Frage, warum für die Kunstwerke dieser Ausstellung ein derart umfassender Geltungsanspruch erhoben wird.
- Welche wichtigen Fragen aus Architektur, Design, Philosophie und Wissenschaft werden in diesem Text erwähnt? Welche Wissenschaft, welche philosophische Richtung könnten gemeint sein?
- Wählen Sie wenigstens drei Sätze aus, die Aussagen über Arbeiten von Kapoor machen, und überprüfen Sie diese auf ihre Gültigkeit.
- Woran lässt sich erkennen, dass es sich bei diesem Text nicht um eine Parodie handelt?
- Welche Wirkung soll Ihrer Meinung nach durch die Verweise auf Bildungsgüter erreicht werden?
ein Text zum Thema von
Wolfgang Ullrich: Die Muschi-Moschee
Beispiele: (scheinbare) Widersprüche
- In Kapoors Schaffen ist die Materie von zentraler Bedeutung, allerdings stets verbunden mit einer Idee von Präsenz und Spiritualität....
- Er betrachtet dies als zwar fundamental widersprüchliche, dabei aber stets komplementäre Bedingung der materiellen Welt.

- Trotz ihrer oft monumentalen Ausmaße wird durch organische Formen und Kugeln eine Stimmung atmosphärischer Sinnlichkeit, ja Sexualität erzeugt.
umfassender Geltungsanspruch
- In dieser Arbeit treffen Architektur und Skulptur aufeinander und fungieren als Verbindung von Geologie und Biologie.
- Idee von Präsenz und Spiritualität, welche die oberflächliche „Tatsächlichkeit“ des Objekts übersteigt.
- Kapoors Ansatz überschreitet die Grenzen zu verschiedenen anderen Disziplinen. Sein Schaffen schließt wichtige Fragen aus Architektur, Design, Philosophie und Wissenschaft ein. Seine umfassende, ehrgeizige Arbeitsmethode, die in dieser Ausstellung zum Ausdruck kommt, offenbart seine Bezugnahme auf die wichtigsten künstlerischen Avantgarden des 20. und auch des 21. Jahrhunderts: von der produktionistischen Kultur der russischen Kunst- und Architektur-Avantgarde über den „desublimierten“ Ansatz der Maler Jackson Pollock und Cy Twombly, die ästhetisch-politischen Fragen zu kultureller Differenz und der Migration von Formen, die Autoren wie Salman Rushdie und Homi Bhabha aufwerfen, bis zu den historischen Grundlagen futuristischer technologische Errungenschaften durch den bahnbrechende Denker wie Peter Sloterdijk und Cecil Balmond.
- Es scheint, als habe Kapoor erkannt, dass seine Kunst von den individuellen und gesellschaftlichen Konflikten der Welt nicht zu trennen ist.
Franz Billmayer, 31.12.2007
zuletz geändert am 14.3.2008