bilderlernen.at ist ein Projekt der Bildnerischen Erziehung an der Universität Mozarteum Salzburg         
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Museen und Ausstellungen sehen als Aufgabe des Kunstunterrichts

Museen lassen sich als (Massen)Medien betrachten: Museen und andere Ausstellungen verbergen sich wie viele andere Medien auch hinter ihren Inhalten. Dabei sind das Museum und die daraus abgeleitete Kunstausstellung für die Kunst konstitutiv. Das Museum und die in ihm und durch es erzeugten Aufmerksamkeiten und Behandlungsroutinen machen die Kunst, wie wir sie heute kennen überhaupt erst möglich. Dies wird durch die Konzentration auf die Werke und die Biografien der Künstler ziemlich erfolgreich verschleiert. [Aus der deutschen Literatur zur Museumspädagogik sind mir keine Texte bekannt, die vorschlagen, das Museum als Medium zum Gegenstand des Unterrichts zu machen.]
Jeder Kunstunterricht, der sich der Aufklärung hinsichtlich des Einflusses von Medien auf unsere Weltsicht verpflichtet fühlt, muss das Museum als Medium thematisieren. Ein Bildunterricht sowieso.
Heidenreich, S. (1998). Was verspricht die Kunst?. Berlin: Berlin-Verl. -  der Autor, der leider seine Quellen selten offenlegt, betrachtet die Kunst vor allem als ein Reagieren der KünstlerInnen auf Anforderungen des Kunstmuseums. Für ihn ist das Museum der Auftraggeber, nach dem sich alle Künstlerinnen und Künstler richten müssen, wenn sie vom Kunstsystem wahrgenommen werden wollen.
Die nachfolgenden Übungen sollen dazu beitragen, die Schleier lüften zu helfen.

Und: Wenn man schon mal in einer größeren Stadt ist, dann lohnt es sich, die Ästhetik von Museen mit Edelboutiquen oder Flagship Stores zu vergleichen.

Kunstqualität: Das Museum als Medium der Qualitätssicherung - Fachblatt des BÖKWE 2011-1, S. 26-31 (pdf, 6,7 MB)

BesucherInnenverhalten

Kunstmuseen und Kunstausstellungen fordern von den Besuchern und Besucherinnen bestimmte Formen des Verhaltens. Ohne Mühe können wir die BesucherInnen aufgrund ihrer Bewegungen von Leuten unterscheiden, die im Museum arbeiten.
Verfolgen: Suchen Sie sich am Eingang jeweils eine Person aus und verfolgen Sie diese durch die Ausstellung, notieren Sie, wie lange sie vor den jeweiligen Exponaten steht; wie das Verhältnis zwischen Betrachten und Lesen ist. Wie lange bleiben die BesucherInnen im Durchschnitt in einer Ausstellung oder einem Ausstellungsraum?
Beobachten: Eine Variante zum Verfolgen ist, sich längere Zeit in einem Ausstellungsraum aufzuhalten und das Verhalten von BesucherInnen genauer zu dokumentieren: Die Bewegungen der Besucher werden in einen Grundriß einzeichnet - legt man die einzelnen Zeichnungen übereinander (Bildbearbeitung), zeigen sich Aufmerksamkeitsmuster des Publikums, die Grundrisse ergeben wohl auch einen interessanten Zeichentrickfilm. Mit der Stoppuhr wird die Verweildauer vor Werken aufgezeichnet. Körperhaltungen des Publikums fotografieren oder zeichnen - Trickfilm? Kleidung des Publikums (von den Schuhen bis zur Frisur).
Nachmachen: Beobachten Sie die  BesucherInnen jeweils genau hinsichtlich Körperhaltung und Bewegung, notieren Sie Ihre Beobachtungen und spielen Sie das Verhalten später.
Zuhören: Hören Sie auf das, was die BesucherInnen zueinander sagen und schreiben Sie dies auf.

Museumsarchitektur

Beschreiben Sie den Eingang und die Sequenz "ich betrete ein Museum" vom Überschreiten der Schwelle bis zum Betreten der Ausstellung. Beschreiben Sie diese Sequenz als
  • Übergang von Außen nach Innen,
  • Übergang vom Profanen zum Geweihten
  • als Reinigungsprozess ...
Drehen Sie eventuell einen kleinen Videofilm über das Betreten eines Museums als
  • Dokumentation (ethnografischer Blick),
  • Information für ungeübte Museumsbesucher
  • Parodie
  • unübliche Formen: ich schleiche ins Museum, ich gehe ins Museum, ich haste ins Museum, ich schlendere ins Museum
  • versteckte Kamera ...
Vergleichen Sie Eingänge und die Sequenz "Betreten" von anderen öffentlichen Einrichtungen: Kinocenter, Supermarkt, Shopping Center, Kirche, Schule, Fußballstadium, Restaurant, Flughafen, Schwimmbad, Arztpraxis, Kneipe ...


Eingänge

Eingänge markieren Übergänge. Wenn wir als Besucher durch das Tor eines Freizeit- oder Themenparks gehen, treten wir aus der Sphäre des Alltags in eine Sphäre der Unterhaltung und Fiktion. Das Angebot funktioniert wie vom „Anbieter“ beabsichtigt nur, wenn wir die veränderten Regeln in der neuen Sphäre akzeptieren.
Genauso ist es, wenn wir ein Kunstmuseum betreten: Auch hier verlassen wir die Alltagswelt, um uns auf die Welt der Kunst einzulassen. Meist ermöglichen uns hier die großzügigen Treppen und Vorräume, dass wir in eine andere und höher gelegene „Welt“ schreiten.
Eingänge sind räumliche und visuelle Botschaften, die unsere Stimmung, Gefühle und Einstellungen beeinflussen. Sie gestalten den Übergang in die jeweilige Sphäre durch Treppen, Schwellen, Türen, Bögen, Räume, Materialien, Hinweise usw.



Welche Materialien werden in den jeweiligen Museen und in den jeweiligen Bereichen verwendet? Boden, Wände, Sessel, Handläufe, Toiletten, Leuchten.
Welche Farben Kommen vor( - als paint und als colour)? Dokumentieren Sie Ihre Beobachtungen mit der Fotokamera und versuchen Sie in der anschließenden Präsentation verschiedene Erklärungen. Welche "Bedeutung" haben die jeweiligen Materialien/Farben? Mit Hilfe des Austauschtests lassen sich sehr schnell die einsprechenden Bedeutungen (kulturellen Assoziationen) bestimmen. Vergleichen das Museum mit anderen öffentlichen und privaten Gebäuden hinsichtlich der Materialverwendung.
Wie sind die Sitzmöglichkeiten? Welche Formen des Sitzens ermöglichen sie/ verhindern Sie? Wo stehen sie? Wie unterscheiden Sie sich von Sitzmöglichkeiten in anderen Gebäuden?
Wie unterscheiden sich Kunstausstellungen von anderen Ausstellungen - Gewerbeschauen, Messen, Verkaufsstellen, Autosalons, Naturkundemuseen...

Ausstellungsgestaltung

  • Beschreiben Sie die Ausstellungsgestaltung der einzelnen Räume und überlegen Sie sich dazu mehrere Alternativen.
  • Schreiben Sie eine negative Kritik eines von Ihnen ausgewählten Raumes; tauschen Sie diese mit einer Kollegin oder einem Kollegen und schreiben Sie zu dessen Kritik eine (positive) Begründung für die jeweilige Hängung.
  • Versuchen Sie die Rahmen stilistisch einzuordne.
  • Wie sind die Bilder gehängt? Unterkante, Mittellinie oder Oberkante? Wie hängen die Bilder im Verhältnis zu Ihrer Augenhöhe?
  • Welche Bilder hängen in der Mitte der Wände oder haben sonst wie prominente Ausstellungsorte? Stellen Sie Vermutungen darüber an, warum das so ist.
  • Wo sind die Titel angebracht?
  •  Was ist auf den Schildern vermerkt?
  • Wie sind die einzelnen Bilder beleuchtet?
  • Beschreiben Sie möglichst vollständig die Methoden, mit deren Hilfe die Exponate inszeniert werden.
Ausstellungsraum im Kunstmuseum Göteborg
Je jünger die Kunst, desto niedriger der Ausstellungsflächen-Index 
  • Berechnen Sie den AusstellungsflächenIndex: Der Ausstellungsflächenindex bezeichnet das Verhältnis der Fläche der Bilder (tatsächliche Ausstellung) zur Fläche der Wand (potentielle Ausstellungsfläche). Wenn die ganze Wand lückenlos mit Bildern behängt ist, haben wir einen Index von 100, ist die Wand leer einen von 0. Die Berechnung ist einfach: Die Fläche der ausgestellten Bilder wird zusammen gezählt und zur Wandfläche in Beziehung gesetzt. Länge und Höhe der Ausstellungswand lässt sich mit einem Lasergerät genau bestimmen, ansonsten macht man ein Foto mit einem Maßstab (z.B. ein Schüler) und bestimmt damit die nötigen Maße.
    Ausstellungen zeitgenössischer Kunst haben einen wesentlich niedrigeren Index als solche mit bereits anerkannter Kunst.
  • Ähnlich lässt sich der Bildrahmen-Index berechnen.
Schätzen Sie das Verhältnis der leeren Wandflächen zu den Flächen, die von den Bildern bedeckt sind.

Standorte

In Städten hat das Zentrum einen höheren Status als die Ränder.
Im Zentrum stehen Rathaus und Kathedrale, dort befinden sich Theater und Museen und wichtige Verwaltungsgebäude wie Gerichte und Ämter; Banken haben hier ihren Hauptsitz. Dort finden wir Schmuckgeschäfte, teure Restaurants, Arztpraxen und Luxusgeschäfte.
Am Rand liegen Gewerbe- und Wohngebiete und Einkaufszentren.
Die Grundstückspreise sind in den Innenstädten höher als in den Vororten. Museen stehen oft an Orten, die so „wertvoll“ sind, dass sie gar nicht mehr regulär auf dem Immobilienmarkt gehandelt werden.
  • Recherchieren Sie die Umgebung von Kunstmuseen. Welche anderen Einrichtungen, Geschäfte, Behörden finden Sie? Welche Arten von Restaurants gibt es?
  • Recherchieren Sie die Immobilienpreise / Mietpreise in der Umgebung von Museen

Gastronomie

Recherchieren Sie das Speisenangebot in der Gastronomie von Kunstmuseen im Verhältnis zu historischen und technischen Museen.

Der Kommuntations- oder Austauchtest funktioniert auch ganz gut.

Literatur

Kress, Gunther: Multimodality- Exploring contemporary methods of communication, London: Routledge, 2010.
Fußgängerpassage in Osaka mit Reproduktionen bekannter westlicher Kunstwerke.
Repliken europäischer Malerei in einem unterirdischen Einkaufszentrum in Osaka.

Kunstmuseum Göteborg Eingangssituation von der Straße aus.
Kunstmuseum Göteborg Eingangssituation von der Straße aus. Übergang vom profanen Alltag in den Bereich der Kunst

Rhetorik

Beschreiben Sie das Museum oder die Ausstellung mit dem Begriffinstrumentarium der Rhetorik:
  • rhetorische Situation - welches drängende Problem soll mit Hilfe der Ausstellungs- und Museumsarchitektur gelöst werden. Die Museumsarchitektur kann dabei als grundlegendere Rhetorik, die Ausstellungsarchitektur eher als situationsbezogen verstanden werden.
Aristoteles unterscheidet drei Überzeugungsmittel:
  • Ethos: die Botschaft ist überzeugend, weil der Charakter/ das Image des Senders überzeugt. Mit welchen Mitteln versucht das Museum seine Besucherinnen und Besuchern von seiner Ernsthaftigkeit, Wichtigkeit und Glaubwürdigkeit zu überzeugen?
  • Pathos: die Botschaft ist überzeugend, weil sie das Publikum betrifft, weil das Publikums emotional angesprochen wird
  • Logos: die Botschaft argumentiert, mit welchen sachlichen Argumenten versucht das Museum zu überzeugen?
Welche Rolle spielt der Museumsshop in der Rhetorik?
siehe auch: Schularchitektur rhetorisch betrachtet

MuseumsbesucherInnen im Louvre
Wo kommen die Bilder her? Wer hat sie gemalt? Wer hat sie angekauft / gestiftet / ausgeliehen? Louvre, Paris

Macht

Ordnen Sie die ausgestellten Arbeiten nach Herkunftsländern und Geschlecht der Künstlerinnen und Künstler. Berücksichtigen Sie auch die Größe der Arbeiten. Welche Zusammenhänge können Sie feststellen? Welche anderen Fragen hinsichtlich Macht und Einfluss lassen sich fomulieren?

Wie sieht Kunst aus?

Überlegen Sie, woran Sie den "Kunstcharakter" der Ausstellungsstücke erkennen würden, nicht in einem Museum oder einer Ausstellung gezeigt würden.
  • Bei welchen Arbeiten hätten Sie warum Schwierigkeiten?
  • Welche werden überall in unserer Kultur als Kunstwerke erkannt?
Beziehen sich die Wiedererkennungsmerkmale auf formale, materiale, mediale, inhaltliche Kategorien?
siehe auch



































Franz Billmayer, 16.3.2007
zuletzt geändert 23.4.2017