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Sammeln bei Helga Kämpf-Jansen

Helga Kämpf-Jansen (1939 - 2011) hat dem Sammlen in ihrer Ästhetischen Forschung einen zentralen Platz eingeräumt. Sie betrachtet Sammeln aus der Perspektive des Sammlers (aus seinen Interessen und seiner Biografie). Sie beschreibt Sammeln anthropologisch, sozial und kulturell. Sammeln erfüllt verschiedene Funktionen, es schafft z.B. Trost, verleiht Macht, hilft beim Aufbau der Identität, schafft soziale Zugehörigkeit, befriedigt das Streben nach Besitz, folgt ästhetischen Vorlieben, ist nostalgisch ...
Hier ein Ausschnitt aus ihrem Buch: Ästhetische Forschung. Wege durch Alltag, Kunst und Wissenschaft. Zu einem innovativen Konzept ästhetischer Bildung, Köln: Salon Verlag (2001) S. 59ff

Sammlungen und ästhetisches Verhalten

Der Tendenz nach lässt sich sagen, dass sich mit fast allen aktiven Sammlungen eine Vielzahl ästhetischer Verhaltensweisen verbindet. Das beginnt bereits mit dem ästhetischen Blick, der zu bestimmten Zeiten, an bestimmten Orten und in bestimmten Situationen hoch sensibilisiert und aktiv ist, um die ‘Objekte der Begierde’ aufzuspüren, festzuhalten und einzuschätzen: die besondere Muschel am Strand, die Katzentiere aus Porzellan in einem neu entdeckten Warenhaus, die Herzen aus Glas, die blauen Seidenblumen. Mit dieser selektiven Einstellung und diesem besonderen Blick beginnen sich die ästhetischen Entscheidungen bündelweise aufzudrängen:

Ist diese eine Porzellankuh, die man soeben entdeckt hat, schön? Hat man vielleicht schon eine ähnliche; passt sie in die Sammlung; ist das gefundene Stück eine echte Bereicherung; wird aus dem verdreckten Teil vom Flohmarkt die längst ersehnte Kostbarkeit zu Tage kommen? usw.

In aktiven Sammelphasen sind Kopf, Herz und Hand, sind also Verstand, Emotionen und handelndes Be-Greifen eins. Nach den Entscheidungen, die gefundenen und begehrten Dinge zu erwerben bzw. mitzunehmen, folgt meist der Höhepunkt der Sammler-Tätigkeit: Das neue Teil wird geputzt und aufgeputzt und erhält so nach einem ritualisierten Akt seinen Platz in der bestehenden Sammlung. Dabei werden Sammlungen oft umgeordnet, neu arrangiert, Teil- Sammlungen erhalten einen anderen Ort, ein anderes Gehäuse.


Die Ordnungen

Ein zentraler Akt ist das Ordnen. Ordnungskriterien folgen zum einen festgelegten, außengeleiteten Prinzipien mit vorgegebenen Gehäusen und Aufbewahrungsorten, wie z.B. den geprägten Futteralen für die Kästen der Münzsammlungen, den Alben für die Briefmarken, den Kleinvitrinen für die Mineralien und Miniatur- Kakteen, den Vitrinen-Schränken für die Puppen und das Blechspielzeug. Begleitet sind diese Ordnungssysteme und Einordnungsgehäuse über eine Vielzahl einschlägiger Publikationen, Sammlerjournale, Hobby-Theken bis hin zu Büchern wie ‘Wie fotografiere ich meine Sammlung?’. Es gibt inzwischen einen ausgedehnten Markt, der für gängige Sammlungen alles erdenkliche Zusatzbehör anbietet.

Daneben gibt es die offenen Sammlungen die in alten Dosen, Kästen, Kisten, Kartons und Regalen aufbewahrt werden, wie Knöpfe, Radiergummis, Kleintiere aus Hartplastik. Die Dinge werden daraus hervorgeholt und über sehr verschiedene Herangehensweisen geordnet und umgeordnet. Kinder experimentieren so in spielerischen Akten, sortieren die Dinge nach Farben, Größen, formalen Ähnlichkeiten, Gewicht und persönlichen Präferenzen. Nach diesen Akten des spielerischen Erprobens verschiedenster Handlungsweisen mit den Dingen werden sie wieder ungeordnet in die Gehäuse zurückgegeben, bis zum nächsten Sortieren und Umsortieren. Dies ist einer der vielen Zugänge bzw. ein spezifischer Umgang mit den Dingen. Ein weiterer besteht darin, dass für eine wichtige ‘Bastel-Arbeit’, gerade der eine grau-grüne Stein aus der Kiste, die eine Stecknadel mit dem blauen Knopf aus der Dose gebraucht werden, so dass die Dinge den Sammlungen entzogen und übergeordneten Zwecken zugeführt werden.

Ähnlich gehen auch Künstler und Künstlerinnen mit ihren Sammlungen um, dabei sind es nicht kleine Dosen oder Kästen, in die sie hineingreifen, sondern in der Regel sind es riesige Lagerhallen, ehemalige Schulsäle, Scheunen etc., aus denen sie sich aus den dort befindlichen Ansammlungen ihre Teile hervorholen. Die Material- und Dingsammlungen sind in ihrem Verständnis meist gut geordnet, auch wenn es für Außenstehende oft kaum nachvollziehbar ist, wie sie in ihren ‘Wunderkammern’ die benötigten Dinge finden.

All die hier dargelegten Tätigkeiten sind mit dem Begriff ‘ästhetisches Verhalten’ zu fassen. Sie sind begleitet mit dem spezifisch differenzierten Blick, der zu einem Kennerblick geworden ist. Und all diese Tätigkeiten sind auch ausgezeichnet durch etwas, was uneingeschränkt für ästhetische Arbeit generell gilt: durch Intensität. Alle Aktionsformen des Sammelns sind also per se erst einmal denen der ästhetischen bzw. künstlerischen Arbeit ähnlich. Insofern ist Sammlertätigkeit ein künstlerischer Akt. Als Handlung einer Künstlerin/ eines Künstlers ist dann ihre im Museum ausgestellte Sammlung zweifelsfrei Kunst. Der Umkehrschluss funktioniert allerdings nicht: die Sammlung des Kindes, wie die des Erwachsenen werden niemals Kunst, und mögen sie den ausgestellten Sammlungen der Künstler, Künstlerinnen, noch so ähnlich sein.


Sammlung von Knöpfen, unterschiedlich geordnetKnopfsammlung, unterschiedliche Ordnungen, S.60

Sammlung von Figuren aus ÜberraschungseiernSammlung von Figuren aus Überraschungseiern