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Bild, Bilder noch mehr Bilder
für eine Entlastung der Kunstpädagogik

Der allgemein bildende "Kunst"unterricht wird sich aus theoretischen und pragmatischen Gründen in den nächsten Jahren zu einem Bildunterricht umbauen. Für die Kunstpädagogik bleibt eine Nische in jenen sozialen Schichten, die der Kunstszene angehören (wollen). Die Kunstpädagogik muss dann nicht mehr erklären, warum sie bei der "Vermittlung" von Kunst so relativ erfolglos ist.

Viele Bilder

Es ist noch gar nicht so lange her, da waren Bilder Mangelware und wurden deshalb immer wieder und genau betrachtet. Sie wurden so konstruiert, dass sie sich für längeres Betrachten eigneten. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert. Es gibt zwar immer noch Bilder, die in alter Tradition für das ausgiebige Betrachten hergestellt werden – Poster etwa oder Bilder zur Wohnungsausstattung auch Bilder in Bilderbüchern. Die Bilder sind mehr geworden. Selbst für die interessantesten haben wir kaum Zeit – die meisten bleiben unbeachtet. Die Bilder sind überall und es sind viele. Man braucht nur heutige Presseerzeugnisse oder Schulbücher mit solchen von vor ein paar Jahrzehnten vergleichen. Ebenso explodieren die Bildermengen in den privaten Fotoalben. Erst haben wir aufgehört, die Fotos in Alben zu kleben, heute drucken wir die digitalen Bilder schon gar nicht mehr aus, sie liegen irgendwo auf unseren Festplatten.
Unsere Vorstellungen von der Bildung und Aufklärung über Bilder stammen im Großen und Ganzen noch aus der Zeit, als Bilder vergleichsweise Mangelware waren.
Jedes Mobiltelefon ist eine Foto- und Videokamera; d.h. alle haben Bildapparate in den Taschen und allzeit bereit. Auf flickr.com lassen sich mehrere Milliarden Bilder suchen, finden und abrufen. Google Maps zeigt uns entlegenste Straßenansichten in Lappland. Auf youtube.com werden alle vier Sekunden drei Videos hochgeladen und pro Tag bis zu zwei Milliarden abgerufen. Wenn es darum geht, Welt und Wirklichkeit zu konstruieren, sind Bilder zu echten Konkurrenten von Schrift und der Sprache geworden. Bilder beeinflussen politische Entscheidungen. Bilder bestimmen Konsumentscheidungen, den Kauf von Produkten, die Ziele von Urlaubsreisen – und haben nebenbei bemerkt so einen wesentlichen Einfluss auf die Ökologie der Erde. Unsere tägliche Unterhaltung finden wir einfach und effizient in bildbasierten Medien, diese liefern uns als Nebenprodukte Empfehlungen für unser Verhalten und unsere Körpervorstellungen.

Bildung muss sich kümmern

Einer Bildung, der es um Aufklärung, Orientierung in der Welt und Handlungsfähigkeit geht, muss sich um die Bilder kümmern. Es ist ein Skandal, dass Bildung und Ausbildung sich nicht in einem größeren Umfang darum kümmern. Dieser Text versucht zu erklären, warum das so ist, und zu formulieren, was geboten ist.

Die Bilder

Bilder sind „schnelle Schüsse ins Gehirn. Um ein Bild mittlerer Komplexität aufzunehmen, sind nur eine bis zwei Sekunden erforderlich.“ (Kroeber-Riel, S.53). In der Kommunikation der Marktwirtschaft und der Demokratie sind die Sender dafür verantwortlich, dass die Botschaft verstanden wird. Im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit werden Bilder so konstruiert, dass die Zielgruppe sie schnell und leicht entschlüsseln kann. Die meisten Bilder nehmen wir nicht als solche wahr, wir sehen sofort, was drauf ist. Sie sind uns als Bilder gleichgültig, wir sind sofort bei dem, was sie darstellen. Sie wirken, ohne dass wir uns dessen sonderlich bewusst sind.
In der Marktwirtschaft werden Produkte und Bilder nach den Wünschen der Kunden hergestellt. Sie sind als Marktprodukte getreue Abbilder der Befindlichkeiten unserer Kultur, unserer Ängste, Hoffnungen und Sehnsüchte, nicht die Nischenprodukte der Kunst, wie uns das Feuilleton, die Kunstszene und mit ihr die Kunstpädagogik weismachen wollen.

Alle machen Bilder

Bildermachen und die visuelle Kommunikation wurde bis vor kurzem von Spezialisten erledigt. Einfache preiswerte Kameras und simple (kostenlose) Programme für Desktoppublishings, Bildbearbeitung und Internetgestaltung machen immer mehr Menschen zu Gestaltern. Gestaltung visueller Botschaften ist in vielen Berufen zu einer Selbstverständlichkeit geworden: Computerpräsentationen, Visitenkarten, Diagramme, Fotobücher, Reklamezettel, Internetauftritte überall sind Laien unterwegs. Das Internet schafft die Öffentlichkeit: jeder Verein hat seine Homepage und derzeit nutzen 500 Millionen weltweit facebook.

Erweiterter (Aus)Bildungsbedarf

In der visuellen Gestaltung wird sich in Zukunft ein erweiterter Bildungs- und Ausbildungsbedarf ergeben. So wie mit dem Buchdruck, neuen Formen des Wirtschaftens und der Verwaltung Lesen und Schreiben sich zu einer allgemein verbindlichen Kulturtechnik entwickelt haben, so entwickelt sich das Herstellen von Bildern und anderen visuellen Kommunikationsmitteln zu einer kulturellen Grundtechnik. Je mehr Menschen an dieser Form der Kommunikation teilnehmen, desto mehr Regeln wird es geben, die gelernt werden müssen. (KRESS & LEEUWEN, S.3 und 14)
In der medialen Kommunikation dienen Bilder vor allem der schnellen Orientierung darüber, worum es geht: die Bilder rohen Fleisches auf den Werbeblättern der Supermärkte zeigen uns, wo die Sonderangebote für Fleisch stehen, Bilder von hungernden Kindern zeigen uns, dass der Artikel in der Zeitschrift von Afrika handelt. Damit diese Bilder schnell und eindeutig verstanden werden, müssen sie stereotyp sein … und so erzeugen sie stereotype Vorstellungen.

Reaktionen des Bildungssystems

Das öffentliche Bildungssystem reagiert auf die neuen Herausforderungen durch die Bilder zögerlich oder gar nicht. Die einen sehen keinen Bildungsbedarf, weil Bilder eh leicht verständlich und simpel herzustellen sind. Sie sehen nicht ein, dass für diesen Bereich mehr Ressourcen eingesetzt werden sollten. Die anderen kommen aus der Kunsttradition und interessieren sich nicht für die trivialen Bilder. Von der Kunst her sind sie den Umgang mit schwierigen Bildern gewohnt. Sie finden keine Antworten auf die leicht verständlichen und vielen Bilder, weil sich ihnen keine relevanten Fragen stellen. „Eh verstehen!“

Kunst ist eine Subkultur

Moderne Gesellschaften haben zum einen eine gemeinsame Kultur, die Regeln, Normen und Werte, die ein Zusammenleben ermöglichen, daneben gibt es viele Subkulturen, die jeweils gruppenspezifische Identitätsprojekte darstellen. In der traditionellen Kunst- und Kulturpädagogik – die Road Map for Arts Education der UNESCO etwa geht von einem institutionellen und konsumistischen Kulturbegriff aus – gelten Erfahrungsangebote, die Künstlerinnen und Kultureinrichtungen produzieren, als der eigentliche Kern der (gemeinsamen) Kultur. Forschungen der Kultursoziologie zeigen aber mittlerweile deutlich, dass die Kunst eine von vielen Subkulturen ist. Der empirische Befund, dass sich nur eine Minderheit für Kunst und Hochkultur interessiert, wird mit geografischen oder sozialen Barrieren erklärt. Hier – so diese Logik – soll die Pädagogik ansetzen. Das Programm der Kunstpädagogik besagt, dass die Uninteressierten Mängelwesen (Demand 2007) und damit unfreiwillig „unglücklich“ sind und man ihnen die Kunst vermitteln müsse. Die Kulturforschung deutet daraufhin, dass die Kulturäußerungen, die die Medien, die Unterhaltungsindustrie und die Konsumwelt anbieten, und nicht die Produkte der Kunstszene die allgemein kulturellen Referenzrahmen bilden. Neben der Kunst gibt es viele andere Subkulturen, die für andere Gruppen ähnliche Funktionen erfüllen. „Ästhetische Erfahrung und expressive Entfaltung finden wir in allen subkulturellen Äußerungen.“ (Bjørkås).

Akteure stammen aus der Szene

Die Akteure, die im Bildungssystem mit Bildern befasst sind, kommen mehr oder weniger alle aus der Subkultur Kunst. Sie wurden in deren zentralen Einrichtungen – Kunstakademien – ausgebildet und sozialisiert. Sie verstehen sich meist ein Leben lang als Mitglieder dieser Szene und teilen deren Einschätzung: Kunstäußerungen sind der eigentliche Kern der Kultur. So suchen und finden sie auch außerhalb der Kunst die Vorstellungen, die sie in der Kunst entwickelt haben. Und sie interessieren sich vor allem für solche kulturellen Äußerungen von Kindern und Jugendlichen, die irgendwie an „Kunst“ erinnern: ausgefallene Gestaltung, persönlicher Ausdruck, Individualität, Innovation, nonkonformes Verhalten etc. Jugendliche, die in Tracht bei der örtlichen Blasmusik mitspielen, interessieren genauso wenig wie die, die sich in ihrem Konsum am Mainstream ausrichten und kaufen, was die anderen kaufen.

Entlastung der Kunstpädagogik

Die Kunst ist eine Subkultur und es ist kein Wunder, dass sie Kunstpädagogik nur nur eine Minderheit der Kinder und Jugendlichen erreicht. Der kunstreligiöse Missionsauftrag ist wohl die Ursache dafür, dass diese einfache Erklärung für das partielle Scheitern der Kunstpädagogik in der allgemein bildenden Schule bisher nicht diskutiert wird. Tendenziell erreicht die Kunstpädagogik jene, die gerne und erfolgreich zeichnen und malen, und jene, deren Eltern sich zur Kunst rechnen und sich Vorteile davon versprechen, wenn der Nachwuchs sich in dieser Subkultur zu bewegen weiß. Diese Kinder und Jugendlichen werden ohne Zweifel entsprechende Bildungsangebote nachfragen. Die Kunstpädagogik hat genau dort ihre Zukunft, wo sie heute schon diese Funktion erfüllt: gemeinsam mit dem Elternhaus Kinder und Jugendliche in die Subkultur Kunst zu sozialisieren. Allerdings wird sie ihren allgemeinbildenden Anspruch aufgeben müssen. Damit ist sie von dem Anspruch, bei allen Kindern und Jugendlichen erfolgreich zu sein, befreit und kann endlich konsequent und ohne Störungen ihrem Geschäft nachgehen. Kunstpädagogik im heutigen Sinne wäre damit etwas für bestimmte schulische Ausbildungsprogramme, für Neigungsgruppen und vor allem für außerschulische Angebote.
Die allgemeinbildende schulische „Kunst“pädagogik wird sich neue und andere Schwerpunkte setzen und sich zu einer Bildpädagogik umbauen.

Beispielhaft lernen?

Viele Kunstpädagoginnen meinen, an der bildenden Kunst könne beispielhaft Bild- und Medienkompetenz erworben werden; vor allem deswegen, weil die Kunst in besonderer Weise ihr Medium mitreflektiert (z.B. Freiberg 1999). Dies mag für manche Kunstwerke zutreffen, ist aber keine Garantie. Zudem ist es für mich schwer verständlich, warum der Umweg über die Kunst gemacht werden soll, wenn doch die Bilder direkt angeschaut werden können.
Für viele Aspekte der täglichen Bilder eignet sich die Kunst nicht; denn sie interessiert sich traditionell für das Werk und den Künstler. Das Bild wird nicht als Instrument gesehen, das dazu dient, bestimmte Probleme zu lösen. Vielmehr wird das Bild als Werk ins Zentrum gestellt. Kommunikative Funktionen von Bildern fallen damit eher aus dem Fokus. Die Kunst interessiert sich für den Künstler, der sich ausdrückt, nicht für Bilder, die nach Markterfordernissen industriell und arbeitsteilig hergestellt werden. Und wie schon erwähnt, hat die Kunstwissenschaft vor allem Methoden für besondere Bilder entwickelt; triviale Bilder machen eher Schwierigkeiten.

To do

Das Bildermachen und die visuelle Kommunikation werden sich in Zukunft zu allgemeinen Kulturtechniken entwickeln. In immer mehr Berufen und Lebensbereichen wird vorausgesetzt werden, dass diese Techniken und ihre Regeln beherrscht werden. Hier sollte die Bildpädagogik die Forschung verfolgen und aus der eigenen Unterrichtserfahrung entsprechendes Material beitragen. Die entsprechenden Regeln und Techniken wären zu systematisieren und entsprechend nachhaltig zu unterrichten. Viele Kinder und Jugendliche können nicht mit Bildbearbeitungsprogrammen umgehen, sie haben wenig Ahnung von Textgestaltung und Fotografie. Sie wissen wenig über die Wirkung und Bedeutung von Bildern.
Neben den schwer verständlichen Bildern müssen die leicht verständlichen zum Gegenstand des Nachdenkens gemacht werden:
Warum sind sie leicht verständlich?
Welche Stereotypen werden konstruiert?
Wie lassen sich Alternativen denken und sehen?
Für die vielen Bilder sollten vor allem quantitative Analyseverfahren im Unterricht erprobt werden.


Literatur:
Bjørkås, Svein (2001). Forvaltning av kvalitet i kunsten. in:Lund, Christian: Kunst, kvalitet og politikk. Oslo: Norsk Kulturråd, S.42-54.
Demand, Christian (2007). Nach dem Spiel ist vor dem Spiel: Für einen Ausstieg aus der ästhetischen Apokalypse," Fachblatt des BÖKWE, 2007-1, 25 – 30.
Freiberg, Henning (1999). "Medien-Kunst-Pädagogik," Kunst+Unterricht 230/231, 1999, 23 - 28.
Kress, Gunther R. ; Leeuwen, Theo van (2006). Reading images. London: 2. ed. Routledge.
Kroeber-Riel, W. (1993). Bildkommunikation. München: Vahlen.
UNESCO (2006): Road Map for Arts Education

Dieser Text ist eine leichte Bearbeitung von "Bild, Bilder, noch mehr Bilder". erschienen In: infodienst. Das Magazin für kulturelle Bildung, Nr.97, Oktober 2010. S. 13 - 15



Franz Billmayer, 27.11.2010



Alle wollen die Mona Lisa sehen und fotografieren. Die Kunst ist eine ziemlich große Subkultur.

Transparent der schwedischen Künstlerin Stina Öberg. „Wenn es Kunst ist, ist es nicht für alle; und wenn es für alle ist, ist es keine Kunst.“ heißt es im Original bei Arnold Schönberg