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Bilderverstehen als Reduktion

Die Idee zu folgendem kleinen Text verdanke ich Bengt Lindgren (2005): BILD, VISUALITET OCH VETANDE - Diskussion om bild som kunskapsfält inom utbildning, Göteborg S.43 f, der sich auf einen früheren Text (Lindgren, 1996). Bilden, rummet och språket: Reflektioner över bildspråkets metateori och grammatik. In: G.Z. Nordström (Hrsg.), Rum relation retorik (S.211 - 228), Stockholm: Carlssons bezieht, in dem er vorgeschlagen hat bei Bildern von einer reduzierende Aktivität und bei Texten von einer verstärkenden auszugehen: Bei der Interpreation von Bildern reduzieren wir, bei Texten fügen wir "etwas" hinzu.

Sprache und Bilder werden gerne verglichen, vor allem dann, wenn Bilder als eine Sprache aufgefasst werden. Dabei versucht man durch das Beschreiben und Vergleichen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden dieser beiden Medien vor allem ein besseres Verständnis für die Bilder zu finden (die Sprachwissenschaft hat sich schon früher mit Fragen der Bedeutung und der Kommunikation beschäftigt und entsprechend eher einen eigenen Begriffsapparat geschaffen).

Die Bilder, mit denen wir es normalerweise zu tun haben, sind sehr reichhaltig an Informationen. Um die Bilder zu verstehen, brauchen wir nur einen kleinen Teil davon. Siehe Abb.1  

Diesen filtern wir quasi aus, den Rest ignorieren wir. Welche Informationen wir ausfiltern, hängt zum einen von unseren jeweils aktuellen Interessen und zum anderen von unseren früheren Erfahrungen (Wissen) ab. Bei diesem Filtriervorgang wird zwischen Merkmalen unterschieden, die für die Deutung relevant erscheinen und deshalb berücksichtigt werden, und zwischen solchen, die aufgrund ihrer Irrelevanz zur Deutung nicht herangezogen werden.

Das Bild rechts wurde am 28. Dezember 2004 im Souk von Dubai gemacht. Um überhaupt erkennen zu können, was hier abgebildet ist, brauchen wir einen gewissen Abstand. Würden wir alle Teile so genau betrachten wie den Ausschnitt darunter würden wir vor lauter Information/Pixel die Welt nicht mehr sehen. Das kennen wir aus der Malerei aber auch von den Bäumen, die verhindern, dass wir den Wald sehen

Diese Selektion des Wahrnehmungsangebots ist keine besondere Eigenart der Bilddeutung, sie ist der Normalfall bei der Wahrnehmung. Schon wegen seiner begrenzten Verarbeitungskapazität muss das Gehirn immer zwischen relevanten und irrelevanten Informationen unterscheiden - Relevanz und Irrelevanz sind selbstverständlich keine Kategorien oder Eigenschaften, die es in der Welt gibt, es sind Zuschreibungen oder besser Bewertungen, die der oder die BeobachterIn macht. Diese Zuschreibungen können sich von Fall zu Fall auch bei ein und demselben Beobachter jeweils ändern. Schon um den jungen Mann in der Mitte des Bildes als Figur auszumachen, muss ich viele Details ignorieren. Oder anders, um ihn ausmachen zu können, reichen mir relativ wenig Informationen.
Nämlich einfache Umrisslinien, die die Figur "vom Grund trennen".
Diese Selektion des Wahrnehmungsangebots ist keine besondere Eigenart der Bilddeutung, sie ist der Normalfall bei der Wahrnehmung. Wegen seiner begrenzten Verarbeitungskapazität muss das Gehirn immer zwischen relevanten und irrelevanten Informationen unterscheiden - Relevanz und Irrelevanz sind selbstverständlich keine Kategorien oder Eigenschaften, die es in der Welt gibt, es sind Zuschreibungen oder besser Bewertungen, die der oder die BeobachterIn macht. Diese Zuschreibungen können sich von Fall zu Fall auch bei ein und demselben Beobachter jeweils ändern. Schon um den jungen Mann in der Mitte des Bildes als Figur auszumachen, muss ich viele Details ignorieren. Oder anders, um ihn ausmachen zu können, reichen mir relativ wenig Informationen.
Nämlich einfache Umrisslinien, die die Figur "vom Grund trennen".
Bilder sind wie gesagt im Vergleich zu Texten reicher an Informationen. Wer Texte verstehen will, muss diese in der Regel beim Interpretieren anreichern, etwa durch Imagination oder das Finden von Beispielen.
Kommunikation oder besser Verstehen ist bei Bildern aus der Sicht des Senders dadurch gefährdet, dass der Betrachter für sich Bildelemente als relevant betrachtet, die der Sender als unwichtig sieht, bei Texten dadurch, dass der Hörer oder Leser mit den Begriffen andere Vorstellungen verbindet als der Sender.
Wer mit Bildern eindeutig kommunizieren will, muss dies berücksichtigen und entweder eine Interpretationsanleitung etwa in Form eines Textes mitliefern (Bildunterschrift oder mündliche Erläuterung) oder das Bild schon von vornherein entsprechend reduziert anbieteBilder sind wie gesagt im Vergleich zu Texten reicher an Informationen. Wer Texte verstehen will, muss diese in der Regel beim Interpretieren anreichern, etwa durch Imagination oder das Finden von Beispielen.
Kommunikation oder besser Verstehen ist bei Bildern aus der Sicht des Senders dadurch gefährdet, dass der Betrachter für sich Bildelemente als relevant betrachtet, die der Sender als unwichtig sieht, bei Texten dadurch, dass der Hörer oder Leser mit den Begriffen andere Vorstellungen verbindet als der Sender.
Wer mit Bildern eindeutig kommunizieren will, muss dies berücksichtigen und entweder eine Interpretationsanleitung etwa in Form eines Textes mitliefern (Bildunterschrift oder mündliche Erläuterung) oder das Bild schon von vornherein entsprechend reduziert anbieten.

Bei Piktogrammen lenken keine unnötigen Details von der Botschaft ab - etwa das Muster der Kleidung o.ä., das bei Fotografien zwangsläufig mitgeliefert wird.
In Texten kann der Autor durch Beschreibungen oder konkrete Begriffe die Vorstellung des Lesers beeinflussen.

Ein Begriff ist eine Kiste?
"Da wiederholte es (das kleine Männchen, F.B.) ganz sanft, wie eine sehr ernsthafte Sache:
'Bitte ... zeichne mir ein Schaf...'
.... ich zog aus meiner Tasche ein Blatt Papier und eine Füllfeder. Dann aber erinnerte ich mich, daß ich vor allem Geographie, Geschichte, Rechnen und Grammatik stuidert hatte, und mißmutig sagte ich zu dem Männchen, daß ich nicht zeichnen könne. Es antwortete:
'Das macht nichts. Zeichne mir ein Schaf.'
....
Also habe ich gezeichnet.
Das Männchen schaute aufmerksam zu, dann sagte es:
'Nein! Das ist schon sehr krank. Mach ein anderes.'
Ich zeichnete.
Mein Freund lächelte artig und mit Nachsicht:
'Die siehst wohl... das ist kein Schaf, das ist ein Widder. Es hat Hörner...'
Ich machte also meine Zeichnung noch einmal. Aber sie wurde ebenso abgelehnt, wie die vorigen:
'Das ist schon zu alt. Ich will ein Schaf, das lange lebt.'
Mir ging die Geduld aus .... so kritzelte ich diese Zeichnung da zusammen und knurrte dazu:
'Das ist die Kiste. Das Schaf, das du willst, steckt da drin.'
Und ich war höchst überrascht, als ich das Gesicht meines jungen Kritikers aufleuchten sah:
'Das ist ganz so, wie ich es mir gewünscht habe....'"
(Antoine de Saint-Exupery, Der Kleine Prinz, Düsseldorf 1992 (46. Auflage), S.10 ff )

Bengt Lindgren relativiert seine Unterscheidung, wenn er schreibt:
"Diese bedeutungstragenden oder sinnvollen Merkmale (von Bildern, F.B.) können nur im Verhältnis zum Bildbetrachter und dessen Welt verstanden werden, was wiederum bedeutet, dass es Merkmale (Bedeutungen) gibt, die für alle (menschlichen) Betrachter gemeinsam sind, so wie dass es Bedeutungen gibt, die nur in einem individuellen Zusammenhang Relevanz besitzen. Die von mir früher vermutete Unterscheidung zwischen Textinterpretation als eine verstärkende Aktivität und Bildinterpretation als eine reduzierende, muss deshalb als teils als allzu prinzipiell und analytisch, teils als im Grunde problematisch gesehen werden, da diese Überlegung keine Prinzipien anbietet, wie diese vermutete Reduktion oder Verstärkung geleistet wird, oder was mit der Information geschieht, die sozusagen wegreduziert wird." (Bengt Lindgren (2005): BILD, VISUALITET OCH VETANDE - Diskussion om bild som kunskapsfält inom utbildning, Göteborg S.44)

ch halte diese Unterscheidung dennoch für fruchtbar, gerade wenn wir uns unter diesem Aspekt Bilder in der Kommunikation anschauen, die in ihrer Formulierung dem Betrachter Teile der Reduktionsarbeit abnehmen, bzw. ihm Arbeit machen, die aus der oberflächlichen Sicht der Diskursökonomie nicht vertretbar ist...


Franz Billmayer, 5.10.2006
zuletzt geändert: 8. September 2010
Im Souk in Dubai
Dieses Bild wurde am 28. Dezember 2004 im Souk von Dubai gemacht. Um überhaupt erkennen zu können, was hier abgebildet ist, brauchen wir einen gewissen Abstand.
Ausschnitt
Würden wir alle Teile so genau betrachten wie den kleinen Ausschnitt unten würden wir vor lauter Information/Pixel die Welt nicht mehr sehen. Das kennen wir aus der Malerei aber auch von den Bäumen, die verhindern, dass wir den Wald sehen.

Piktogramm Wickeltisch

Piktogramm für Toilette
Um diese Hinweise trotz des hohen Maßes der Reduktion in der Formulierung
zu verstehen, muss die "Sprache" der Piktogramme bekannt sein.


Viele Zeichen lassen sich nur aus dem Kontext erschließen,
etwa die drei Kreise beim 3. Bild von links als Auditorium.


Manchmal wollen wir dagegen mit aufwändigeren Interpretationen gefordert werden.
Wie etwa hier bei einer Herrentoilette in einer Berliner Kneipe.