bilderlernen.at ist ein Projekt der Bildnerischen Erziehung an der Universität Mozarteum Salzburg         
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Bilder in sender- und empfängerorientierter Kommunikation

Der russische Literatur- und Kulturwissenschaftler Jurij Lotman unterscheidet nach Auskunft von Göran Sonesson hinsichtlich der Kommunikationsgepflogenheiten sender- und empfänger-orientierte Kulturen.
Karl N. Renner schreibt von sender- bzw. hörer-fokussiert (Renner, S.373 ff)
Wer trägt die Konsequenzen von Missverständnissen semiotische Arbeit
Göran Sonesson:  Bildbetydelser – Inledning till bildsemiotiken som vetenskap, Lund Studentlitteratur 1992,  S. 118f
Renner, K. N. (2007). Fernsehjournalismus. Konstanz: UVK.
Ausgangspunkt der Überlegungen ist die Beobachtung, dass zwischen dem Code eines Senders und dem des Empfängers immer eine Differenz besteht, die möglichst überbrückt werden muss, soll Kommunikation erfolgreich sein. In der senderorientierten Kultur ist der Empfänger dafür verantwortlich, dass er die Botschaft versteht, in einer empfängerorientierten Kultur, ist der Sender dafür verantwortlich, dass er verstanden wird. Mit dieser Unterscheidung lassen sich tendenziell alle Kommunikationssituationen klassifizieren. In der alltäglichen face-to-face-Kommunikation übernehmen in aller Regel beide Partner Verantwortung, durch Nachfragen und Wiederholen vergewissern wir uns immer wieder, ob wir richtig verstanden haben oder richtig verstanden werden.
In unserer Kultur dominiert die Orientierung am Empfänger weite Bereiche unseres Lebens: Politik, Schule, Warenwelt &c. In den Massenmedien sind die Sender dafür verantwortlich, dass ihre Adressaten sie verstehen.

Semiotische Arbeit

Gunther Kress schreibt von semiotic work, damit meint er die Arbeit, die bei der Konstruktion von Bedeutung und Verstehen geleistet werden muss. Hier ist Macht eine wichtige Komponente:
"Theoretically it means that all sign-making has to be founded on a careful assessment of the social environment and the relations of power in that environment. That must precede the process of communication. For the powerful, the normal situation of sign-making is that others' sign-making is ordered to fit the interests of the powerful. Power skews the semiotic world away from transparency into the direction of opacity. Much of what passes as 'politeness' (in anglophone cultures) is evidence of the skewing effects of power in communication. The more powerfui the maker of the sign, the more she or he can ignore the requirements of transparency - that is, attention to the communicational requirements of others. Those others have to do the semiotic work that makes up for the neglect of the privileged." (Kress, Gunther, Multimodality- A social semiotic approach to contemporarycommunication, London: Routledge, 2010, p.72)

Andere Bereiche sind senderorientiert: die Religion, weitgehend das Rechtssystem, die Wissenschaft aber auch die Kunst. In diesen Bereichen finden wir professionelle Vermittler, die uns  bei der Interpretation helfen: Rechtsanwälte, Steuerberater, Priester, Theologen, Kunstvermittler, Wissenschaftsjournalisten, Sachbuchautoren, Lehrer...
Die Inhalte des Unterrichtsfaches Bildnerische Erziehung stammen aus beiden Bereichen, der Kunst und der so genannten Alltagsästhetik.

Aus der Unterscheidung empfänger- und senderorientiert ergeben sich Konsequenzen für das Verständnis von Analyse und Interpretation von Botschaften.

Äusserungen in senderorientierter Kommunikation - senderorientierte Texte/Bilder
Kunstwerke – so die Grundannahme des Kunstsystems – "enthalten" Möglichkeiten für Erlebnisse und/oder Informationen, die für den Rezipienten wichtig und wertvoll sind, sich aber weder mühelos noch schnell erschließen. Um an die Informationen heranzukommen, um die Kunstwerke deuten zu können, analysieren wir sie; d.h. wir betrachten sie unter allen möglichen Gesichtspunkten, wir zergliedern sie in Einzelaspekte und unterziehen diese einer genauen Betrachtung: Bildaufbau, Ikonologie, historischer und kultureller Kontext, andere Bilder des Malers, andere Bilder der Zeit usw. So versuchen wir möglichst viel vom Code des Künstlers bzw. des Kunstwerkes zu entschlüsseln. Das Ergebnis der Analyse sind viele Einzelerkenntnisse und -beobachtungen. Dann gehen wir an die Deutung, indem wir die einzelnen Ergebnisse der Analyse zu einem möglichst überzeugenden Ganzen zusammenfügen.

Empfängerorientierte Texte
Werbung verstehen wir mehr oder weniger sofort, schließlich kommt der Sender seiner Verantwortung nach, diese so zu formulieren, dass die Botschaft verstanden wird. In letzter Zeit ist es eine auffallende Strategie der visuellen Werbung, dass kleine Schwierigkeiten im Bildverstehen eingebaut werden, um so die Aufmerksamkeit der Passanten, Zuschauer und Leser zu gewinnen und zu halten. In der Regel sind die Bilder schnell verstanden. Wir meinen oft, da gäbe es nichts zu verstehen, weil uns ein Verstehen ohne Anstrengung nicht bewusst wird. Wenn wir derartige Bilder im Unterricht behandeln, geht es nicht darum sie zu verstehen, das tun wir ohnehin schon. Interessant ist vielmehr, wie und warum wir diese Bilder so leicht verstehen und wie die Mechanismen der Werbung funktionieren. Es geht also nicht um ein Verständnis des jeweiligen Bildes, sondern um ein Verständnis dieser spezifischen Kommunikationsform. Daher kommt hier die Analyse nach der Deutung, wenn wir versuchen, das mühelose Verstehen zu verstehen. Wir untersuchen die verschiedenen Aspekte der empfängerorientierten Kommunikation: Wiederholung, Distribution, Herstellung, Wahrnehmungspsychologie, medialer und kultureller Kontext, Konventionen, kulturelle Assoziationen ...


Senderorientiert

empfängerorientiert

Kunstwerk, Bibel, Orakelsprüche,

Werbung, politische Kommunikation

schwer verständlich

leicht zu verstehen

Analyse

Deutung (wird kaum bemerkt)

Deutung

Analyse

Kunstwerk verstehen

System verstehen,  Verstehen verstehen

Wissenschaft
In der Wissenschaft sollten beide Partner "Redner" wie "Hörer" so kooperieren, dass Verstehen zustande kommt:
"Die Forderung nach Intersubjektivität betrifft beides: intersubjektive Verständlichkeit und intersubjektive Nachprüfbarkeit. Das erstere Verlangen ist grundlegender. Denn bevor man eine Aussage überprüft, muß man ihren Sinn verstanden haben." (Stegmüller 1973 zitiert bei Renner, S. 381)
In der Kunstpädagogik werden diese Regeln nicht immer eingehalten, siehe

Franz Billmayer, 28.10. 2006
zuletzt geändert: 23.3.2011
Kunst ist senderorientiert
Vgl. Ullrich, Wolfgang: Tiefer hängen, über den Umgang mit der Kunst, Berlin Wagenbach Verlag 2004,

vor allem das erste Kapitel: „Vor dem Fürsten“.

Es ist schwer vorstellbar, dass ein Künstler, der bei der Ausstellungseröffnung feststellen muss, dass er nicht verstanden wird, an Ort und Stelle damit beginnt, die Bilder so zu verändern, dass er verstanden wird. Als künstlerische Projekt könnte ein Künstler ein derartiges Verhalten pflegen, um damit gezielt genau jene Konvention der Kunst zu brechen. Vor dem Start größerer Werbekampagnen werden Testpersonen befragt, wie sie die Botschaft verstehen, die Formulierungen dann gegebenenfalls entsprechend geändert.

Missverständnisse

Sie semiotische Arbeit ist immer auch von Machtfragen bestimmt. Bei Kommunikation kann man sich immer fragen, wer für Missverständnisse verantwortlich ist. Beim Recht offensichtlich der Bürger. Bei der politischen Kommunikation die Parteien, wie ist es an der Schule? Was sagt das über das Verständnis von Lernen und Unterricht aus? Was über die Vorstellung von Wissen?

Bildverständnis bei Bildnutzern?

“One of the most important skills of humankind is visual communication. It is ‘pre-historical’; we all know about Native American imagemaking and European cave paintings. Written communication with alphabets and cha­racters is a comparatively young invention.
Yet, in school the pupils are educated in reading and writing, mainly focu­sing on textual literacy. The general public is left to intuitively learn Visual literacy. Today, we constantly hear how students in the post-modern era are increasingly visual. This is nonsense. While these students have been born into a period when highly advanced technology for creating the most sophisticated visual imagery ever produced is readily available, it does not follow that they have a critical understanding of this imagery. My experi­ence is that students and the public are, in fact, almost totally visually illi­terate when it comes to analyzing visual messages. This is not to say that they don't understand the messages. To the contrary, they quickly under­stand the sense of these messages. But if you ask them to explain how they interpret visual messages by outlining the codes they've accessed and infe­rences they've made in the process of communication, they show little cate­gorical or critical understanding. Students simply are not taught to take apart visual messages and to analyze them. Instead, we read visual messages quickly and without a lot of thought.” (Hervorhebung F.B.)
Robert L. Craig (2000): Visual Communication in the 3rd Millenium. One of the Most Important Skills of Humankind. In: Aviso. Informationen aus der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft. Nr. 26, S.4
Zitiert in:
Müller, M. G. (2003). Grundlagen der visuellen Kommunikation. Konstanz: UVK Verl.-Ges., S. 178 f