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Bilder und Rhetorik

Die Techniken der Rhetorik zu kennen, kann helfen, denjenigen, der sie anwendet, zu durchschauen und sich gegen ihn zu wehren. Die Kenntnisse dieser Techniken können auch dazu beitragen, sie selbst in der Kommunikation anzuwenden. Im folgenden Text und den Bildern werden Bilder und Bildmedien unter den Aspekten der Rhetorik betrachtet.

dieser Text folgt weitgehend Carlsson/Koppfeldt (2003) Kapitel 9 - 12
Rhetorik ist im herkömmliche Sinne eine Technik zum überzeugenden Sprechen. Diese Technik oder Lehre hat sich im antiken Griechenland und in Rom entwickelt, vor über 2000 Jahren. Die Kunst der Rede wurde bei politischen Debatten und bei rechtlichen Auseinandersetzungen für wichtig gehalten. Der Begriff wird heute auch auf andere Bereiche angewendet, man spricht von der Rhetorik des Bildes, der Werbung, der Architektur, des Films, der Medien usw. Wenn uns ein Politiker dazu bringen will, dass wir seine Partei wählen, oder ein Kaufhaus mit seinen Schaufenstern dazu, dass wir hineingehen, all das hat mit Überzeugen zu tun und kann als rhetorisches Verhalten bezeichnet werden. Aber auch wir verhalten uns so, nicht nur wenn wir sprechen, auch wenn wir morgens die Kleidung auswählen, die wir anziehen, dann machen wir das, um die Leute, die uns wichtig sind, für uns einzunehmen. Dabei liegen unseren Entscheidungen gewisse Hypothesen über unser Publikum zugrunde. Auch wer auf weiße Socken verzichtet, weil diese unter Geschäftsleuten als unseriös gelten, handelt rhetorisch. Auch der Vater, der versucht, seine kleine Tochter davon zu überzeugen, dass sie den Teller leer essen soll... ein Rhetoriker.
Im Unterschied zu anderen Bereichen der Geisteswissenschaften, die Literatur, Kunst oder Medien zum Gegenstand haben, ist die Rhetorik eine praktische Wissenschaft, sie hat mit Technik zu tun und soll angewendet werden. Sie ist eher eine Ingenieurwissenschaft.
"Ihr Thema ist nicht in erster Linie, warum jemand sagt, was er sagt. Und noch weniger fragt sie danach, ob es passend ist, daß einer dieses oder jenes sagt. Rhetorik lehrt vielmehr, daß, wenn man etwas sagt, die Leute das dann auch tun werden." (Hägg, 2003, S.8f)
Rhetorik interessiert sich für die Wirkung, sie sagt, wenn du die Regeln anwendest, dann wirst du Erfolg haben. Sie kümmert sich nicht um guten Geschmack oder Wahrheit, wenn sie etwas mit einer schlechten Sprache und schlechten Argumenten erreichen kann, dann sind das in den Augen der Rhetorik gute Mittel.

Aufmerksamkeit
Wer etwas mitteilen will, muss zunächst dafür sorgen, dass ihr oder ihm die Menschen zuhören oder zu schauen, dass sie zu seinem oder ihrem Publikum werden. Bevor er seine Botschaft formuliert, macht der Redner zunächst auf sich aufmerksam und teilt mit, dass er etwas mitzuteilen hat. Dies kann auch ein anderer für ihn übernehmen, der ihn einem Publikum vorstellt. Aber das ist schon eine besondere Situation, denn hier ist das Publikum in der Regel schon zu einem bestimmten Zeitpunkt an den jeweiligen Ort gekommen, um einen Vortrag zu hören. In anderen Zusammenhängen muss der Redner, der ein Publikum gewinnen will, auf sich aufmerksam machen, das wird er in aller Regel durch eine laute Stimme oder durch andere Formen der Inszenierung machen. Inszenierung heißt hier, ein Verhalten und ein Outfit an den Tag legen, das sich von der umgebenden Normalität unterscheidet. Der Verkäufer auf dem Markt schreit, um gehört zu werden (der Vorteil der akustischen Botschaft: das Hören funktioniert in alle Richtungen unwillkürlich, wir können die Ohren nicht verschließen und nicht einfach weghören, wie wir wegschauen können).
Wer etwas zu sagen hat, kann zunächst einfach seinen Zuhörern sagen , dass er etwas zu sagen hat und dass er dies jetzt tun will. Er kann etwa sagen: Hört mal alle her, ich möchte euch etwas sagen. Andererseits gibt es besondere Orte, die speziell dafür geschaffen sind, dass Redner dort ihre Botschaften verkünden können. Das Publikum sucht diese Orte auf, um Rednern zuzuhören. Das sind etwa die Rednerbühnen in der Antike, die Kanzeln in den Kirchen, die Rednerpulte in den Parlamenten. Wer sich auf eine derartige Bühne begibt, teilt damit mit, dass er etwas zu sagen hat und dass er vom Publikum erwartet, dass dieses zuhört.
Dass es sich bei einer Wahrnehmung vermutlich um eine Botschaft handelt, erkennen wir vor allem am Ort und an der Form. (Form: Piktogramme im Zug vs Graffiti)
Orte, die dafür bekannt sind, dass dort Botschaften angeboten werden. Rednerbühne, Kanzel, Medien, Plakatwände

Was einer mitteilen will, ob es ernst oder ironisch oder unterhaltend ist, können wir in der Regel schon am Stil erkennen. Wenn wir in einem Land unterwegs sind, dessen Sprache wir nicht kennen, können wir bei Radioprogrammen ohne Probleme erkennen, ob schöne Literatur, Nachrichten, Predigten oder Sportreportagen gesendet werden.


könnte die Vorlage für die Zeichnung links gewesen sein.
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Neben dem Ethos gibt es in der klassischen Rhetorik zwei weitere Appellformen: Logos (Vernunft) und Pathos (Emotionen des Publikums). Bei diesem Bild wird mit Logos argumentiert, die linke Hälfte zeigt drastisch die Folgen des falschen Verhaltens der Sender will hier nicht allzu streng auftreten und macht aus dem Mann einen der eine Schirmmütze trägt. Wobei der Schirm einmal nach vorne und einmal nach hinten zeigt. Könnte dabei nicht passieren, dass die unerwünschte Verhaltensweise den coolen jungen Typen vorbehalten bleibt.


Franz Billmayer, 27.9.2005
zuletzt geändert: 22.4.2015

 Ethos: Der Charakter, das Ansehen oder das Image des Redners. Wie er oder sie auftritt.

Zum Pinkeln setzen


Den oberen Aufkleber habe ich in der Toilette eines Überlandbusses in Norschweden, den unteren in der Toilette eines Cafés in Stockholm gefunden (die Geschichte zur Zeichnung). In beiden Bildern werden zwei Verhaltensweisen gezeigt, von denen eine durchgestrichen ist, in beiden Fällen werden männliche Personen stilisiert dargestellt. Das obere Bild stellt beide Verhaltensweisen in einem Bildraum dar, weil wir wissen, was dieser Aufkleber mitteilen will, wissen wir auch, dass hier nicht ein Aufenthaltsverbot für zwei Männer ausgesprochen wird.
Übrigens wollen uns beide Bilder nicht wirklich etwas mitteilen, sie erinnern uns vielmehr an ein ein Gebot, das wir schon kennen. Auf dem unteren Bild werden die zwei möglichen Verhaltensweisen nebeneinander dargestellt und obwohl sich die Toilettenschüssel auf der linken von der auf der rechten Hälfte unterscheidet, verstehen wir die Bilder als die Darstellungen von  zwei Verhaltensalternativen und nicht als Schnitt durch eine Toilettenanlage. Beim oberen Aufkleber ist die Männlichkeit durch einen Männerhut dargestellt, unten durch den stiliserten Penis.
Auf dem unteren Bild wird die unerwünschte Verhaltensweise deutlich dargestellt, auf dem oberen eigenartig angedeutet.
Wer die beiden Bilder mit traditionellen Methoden analysiert, wir zu dem unteren sagen: nicht im Stehen in die Toilettenschüssel pinkeln. Dass der obere stehende und durchgestrichene Mann nicht die Hände in den Hosentaschen hat, sondern uriniert, lässt sich nur aus dem Zusammenhang erahnen, in anderen Zusammenhängen könnte er für sich genommen einfach nur kommunizieren: (hier) nicht stehen. Auch die Tatsache, dass er seitlich neben der Toilettenschüssel in einer unmöglichen Stellung steht, verhindert nicht, dass wir die Botschaft ohne weiteres verstehen.
Traditionellerweise würde man sagen, die Gestaltung des oberen Aufklebers ist  besser gelungen als die des unteren.
Aber wie ist dies unter rhetorischen Bedingungen? Erfüllen nicht beide Aufkleber ihren kommunikativen Zweck? Wir können nicht sagen, der obere ist kommunikativ besser, d.h. er führt zu mehr richtigem Verhalten als der rechte.
Aus Machart, Material und dem Ort, an dem die jeweiligen Bilder angebracht sind, schließen wir vor allem auf die Sender, denjenigen, der uns etwas mitteilen will. Oben ist die Firma zu erkennen, die die Buslinie betreibt, unten eine mehr oder weniger verzweifelte Reinigungskraft, ihr Appell ist persönlich und so gesehen weniger ein Befehl als eine Bitte. Wobei ich auch bei der oberen Variante wie schon erwähnt eher von einem Hinweis, nicht von einem Befehl ausgehe.
Die beiden Bilder sind vor allem auch eine Möglichkeit auf den Ethos, den Charakter des Senders zu schließen. In der Toilette eines kleinen Cafés wirkt der ungelenk gezeichnete Appell wohl besser als ein gekaufter Aufkleber.  Wir erkennen das Individuum hinter der Botschaft.
Busse gehören einer Firma, diese kommuniziert mit uns in stilisierter, unpersönlicher, technisch und gestalterisch perfekter Manier, hier sind die einzelnen Arbeitskräfte austauschbar.
Aus einem Flugzeug, in dem mit Zetteln wie dem unteren kommunziert wird, würden wir wohl schon vor dem Start aussteigen.

die Geschichte zur Zeichnung

Die Zeichnung im Stockholmer Café ist die Fotokopie. Das Original stammt von dem damals 8jährigen Münchner Xaver K. Er hat es wohl im Frühjahr 2015 für die Familie gezeichnet, im Juli habe ich es dann in Stockholm gefunden. Den Hinweis darauf habe ich erst im Frühjar 2015 bekommen, als ich bei den Eltern von Xaver - alten Freunden von mir - auf der Toilette eine Kopie entdeckt habe. Ich habe anschließend meine Freude darüber ausgedrückt, dass man dort ein Bild von meiner Internetseite verwendet. Die Mutter hat mir im Gegenteil dann erzählt, dass sich Kollegen schon gewundert haben, dass ich das Bild ihres Sohnes hier auf dieser Seite abbilde.
ZUFALL!

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