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Übergang zu Kulturkonsum und subkulturellem Verbrauch

Qualität in der Kunst ist schwer zu argumentieren und stellt sich als eine Frage der Macht heraus.
Svein Bjørkås,
Kvalitetsparadokset, in Meyer, Siri und Bjørkås, Svein (red.), RISIKOSONER- Om kunst, makt og endring, Oslo: Norsk kulturråd, 2004., S.115 – 136, S. 129 ff. (Übers. Franz Billmayer)
ein weiterer Text des Autors

"Das utopische Projekt, das fest zur Kunst gehört hat, hat auch die Vorstellung vom Publikum geformt. Von Schiller bis zu Kunstkennern von heute finden wir eine ungebrochene Tradition, wo man gemeint hat und immer noch meint, dass es die gesellschaftliche Aufgabe der Kunst letzten Endes sei, Humanität und Wohlstand zu fördern - wie gesagt: ein reicherer Mensch in einer besseren Gesellschaft. Als Teil dieser Idee, oder besser dieser Ideen, ist das Publikum zu einer entsprechenden utopischen Gemeinschaft zusammengeschweißt worden. Dieses Integrationsprojekt - wo das Kunstpublikum im Prinzip alle umfassen sollte - ist entsprechend strapazierfähig gewesen. Und es prägt immer noch einen Großteil des Denkens sowohl im Kulturleben wie in der Kulturpolitik. Wir wissen mittlerweile - und wir haben es immer gewusst - dass zwischen dem Kunstpublikum als Idee und als empirische Realität eine bedeutender Differenz besteht. Im besten Fall kann etwa die Hälfte der Bevölkerung in Norwegen als Kunstpublikum verstanden werden, wenn wir unter Kunstinteresse verstehen, Konzerte, Theater, Ballettvorstellungen, Opern und Ausstellungen zu besuchen und Bücher zu lesen. Und obwohl das bei weitem nicht alle sind, waren es noch nie so viele, die sich für Kunst interessiert haben wie heute (Vaage, 2002). Das traditionell stabile Publikum, das durch Abonnements an die Kunstinstitutionen gebunden war, die das empirische Gegenstück zu Habermas’ Idee von der bürgerlichen Öffentlichkeit waren (Habermas 1971), gibt es nicht mehr. Anstelle eines stabilen und treuen Publikums haben wir eine unstabile, ungetreue und wählerische Ansammlung von Kulturkonsumenten bekommen. Und der Kulturkonsum wird wie anderer Verbrauch auch bestimmt auf der einen Seite von identitätsbedingter Teilnahme an Subkulturen, auf der anderen Seite von Trends, Moden und Reklame.

Ich glaube es ist an der Zeit, dass wir diese Realität anerkennen. Der Kunst verbraucht bis subkulturell. Er repräsentiert die Jagd nach Lebenssinn, Zugehörigkeit und Lustgewinn für eine bestimmte Gruppe, primär für diejenigen mit höherer Bildung. Nichts deutet daraufhin, dass diese eine ethisch höherwertigere Subkultur ist als andere und kunstfernere Subkulturen. Nachdem jede einzelne Subkultur ihre eigene Ästhetik hat, wird es auch keine allgemeine Zustimmung dazugeben, dass die Kunstästhetiken wichtiger als andere ästhetische Universum, es sei denn, dies wird als reines Machtverhältnis gedeutet.

Das Entstehen des Kulturkonsums hat in vieler Hinsicht die Kunst als ein identitätsbedingtes Gruppenphänomen „entlarvt“. Als solches funktioniert sie nach außen als unterscheidend (ich unterscheide mich von anderen) und nach ihnen identitätsbildend (ich bin ein Teil einer Meinungs- und Interessensgemeinschaft, wo ich mich mit Gleichgesinnten treffen kann). Und wenn wir die bis zu 50% der Bevölkerung anschauen, die sich freiwillig Kunst in höherem oder niedrigerem Grade aussetzt, so fallen diese auch als Einheit auseinander. Sie repräsentieren viele Identitäten und vieles zu kulturelle Nischen.

Der Kulturkonsum hat in unserem Zusammenhang auf drei Ebenen Konsequenzen. Zunächst greift eine solche Auffassung vom Publikum die traditionelle Legitimität der Kunst an. Bei dem populistischen Wind, der momentan geht, muss man neue Begründungen für die kulturpolitischen Privilegien finden, von denen die traditionellen Kunst Arten profitieren. Zum anderen haben die Qualitätsurteile des Publikums (also der Konsumenten) eine fundamentalere Bedeutung dafür, was als gut und schlecht gilt, weil die Konsumenten zu den Veranstaltungen nicht mehr aus Treue und Gewohnheit kommen. Die Macht der Verbraucher hat zugenommen. Und zum dritten leistet bis zu kulturelle Charakter des Kulturverbrauchs seinen eigenen Beitrag dazu, dass die Qualitätskategorien durcheinander kommen. Es wird immer offensichtlicher, dass Qualität für den einen etwas anderes ist als für den andern.

….. Die Pluralisierung der Kunst, des Kunstverständnisses und des Geschmacks setzt einen pluralistischen Qualitätsbegriff voraus. Und ein pluralistischer Qualitätsbegriff ist ein Widerspruch in sich. Qualität ist ein relationales Phänomen. Etwas ist immer gut oder schlecht im Verhältnis zu etwas anderem. Qualitätsunterscheidungen handeln ja schließlich von Klassifikationen vergleichbarer Größen. Und dazu braucht es eine einigermaßen einheitliche Norm, von der aus sortiert werden kann.

 





    
siehe auch:
Lars Vilks: Gute Kunst 2001