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Die Konstruktion des Publikums

Kunst ist nicht der Ausdruck der allgemeinen Kultur.
Svein Bjørkås,
Forvalting av kvalitet i kunsten, in: Lund, Christian, Kunst, kvalitet og politikk- rapport fra Norsk Kulturråds årskonferanse 2000, Oslo: Norsk Kulturråd, 2001., S. 42 - 54. der aktuelle Ausschnitt ist von S.50 f. Übersetzung Franz Billmayer
ein weiterer Text des Autors

In der Postmoderne ist das Publikum auch nicht mehr das, was es einmal war. Einer der Linien in der Kulturpolitik, die die Qualität am meisten untergräbt, besteht darin, dass wichtigste Zielgruppe der Politik – die Anwender – von Behörden, Politikern und anderen auf einer falschen Grundlage verstanden werden. Die politische Publikumskonstruktion basiert auf einer Kombination aus einem veralteten Kulturverständnis und einer Klassenanalyse, die nicht mehr gilt. Gemeinsam mit der Sprache wird die Kunst traditioneller Weise als der wesentliche Kern der norwegischen allgemeinen Kultur verstanden. Sie ist deshalb allgemeingültig. Wenn die Statistik zeigt, dass tatsächlich nur ein begrenzter Teil der Bevölkerung Kunsterfahrungen ausgesetzt wird und sich diesen aussetzt, dann wird die Ursache in sozialen und geografischen Barrieren hinsichtlich der Verbreitung der allgemeinen Kultur gesehen. Man hat geglaubt und glaubt immer noch, dass diejenigen, die sich dem Angebot der Künstler und der Kunsteinrichtungen nicht aussetzen, so zu sagen unfreiwillig unglücklich und kulturell unterstimuliert seien. Die Kulturforschung deutet darauf hin, dass das eine verkehrte Denkfigur ist. Sowohl für Kinder, Jugendliche als auch Erwachsene sind die Kulturäußerungen, die sie via Medien und internationale Kulturindustrie (Film, Fernsehen, Video, CDs, Moden usw.) erfahren, der Kern der gemeinsamen kulturellen Referenzen. Als Folge dieser gemeinsamen Plattformen findet man eine Reihe unterschiedlicher identitätsbedingte Interessensprofile, wobei das Interesse für die traditionellen schönen Künste eine – und nur eine – von vielen kulturellen Nischen ausmacht. Nach meiner Auffassung ist die Idee, dass die Kunst für alle sein soll, unabhängig davon, ob sie wollen oder nicht, eine Art ungeheuerlicher und altbürgerlicher Paternalismus. Ich meine, das Kunstinteresse muss als das verstanden werden, was es ist, nämlich als eine relativ große Subkultur, die genauso wie andere Subkulturen als ein gruppenspezifisches Identitätsprojekt an der Außenseite der gemeinsamen Kultur existiert, die die Medien und die Kulturindustrie repräsentiert. Die über andere kulturelle Ausdrucksformen erhabene Position der Kunst ist ein Ausdruck für symbolische Herrschaft. Ästhetische Erfahrung und expressive Entfaltung finden wir in allen subkulturellen Äußerungen. Ein Leben ohne Kunst kann also ein brauchbares Leben sein. Ich glaube, eine gute und vernünftige Kulturpolitik muss die anerkennen. Wir, die wir uns für die traditionellen Kunstarten interessieren, müssen anerkennen, dass das, womit wir uns beschäftigen, für uns sinnvoll ist, ohne dass wir die Forderung erheben, dass alle anderen das Selbe mögen sollen wie wir. Wenn wir etwas erkannt haben sollten, dann das, dass Qualität in einem Bereich nicht ausschließt, dass es genauso bedeutende und sinnvolle Qualitäten in alternativen kulturellen Bereichen gibt. Die aktuelle Publikumskonstruktion hat zwei paradoxe Konsequenzen. Zum einen bringt die staatliche Forderung nach Quantität als Voraussetzung für Qualität im Kunstleben einen hoffnungslosen Populismus hervor, eine mittelmäßige Kunst, die eigentlich niemanden interessiert. Die Quantitätslogik fördert eine Kunst, die nach den Prämissen der Unterhaltungsindustrei konkurriert. Und da ist sie eine klare Verliererin. Zum Anderen trägt diese Publikumskonstruktion zu sich selbsterfüllenden Klassenprophetien bei. Durch das Festhalten an der Idee der Kunst als des eigentlichen kulturellen Allgemeingutes, was sie empirisch nicht ist, hält man die sozial distinguierende Oberhohheit der Kunst am Leben. Man verwirft die tatsächlichen Kulturinteressen des Volkes als minderwertig und produziert damit die sozialen Ungleichheit, denen man entgegen wirken will. Wenn ich behaupte, dass die Kunst faktisch keine Gültigkeit für alle hat, reduziere ich damit nicht ihre Bedeutung? Die Antwort ist nein. Die kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung der Kunst ist indirekt, subtil und man sieht sie am besten im Nachhinein. Und das ist definitiv keine Frage davon, wie viele sie als Hobby haben. Künstler haben nicht durch verkaufte Eintrittskarten ihre Spuren hinterlassen. Im Gegenteil dadurch, dass sie sich in und über ihre Gegenwart ausgedrückt haben, mit oder gegen das allgemeine und politische Interesse, dass die Kunst die Menschen und die Geschichte beeinflusst hat.“

in: Lund, Christian, Kunst, kvalitet og politikk- rapport fra Norsk Kulturråds årskonferanse 2000, Oslo: Norsk Kulturråd, 2001., S.50 f. Übersetzung Franz Billmayer



   

siehe auch:
Lars Vilks: Gute Kunst 2001