bilderlernen.at
theoretisches
Franz Billmayer

Um was es geht, damit es weitergeht.

Naturstudien, Gestalten aus der Phantasie, Malerei, Zeichnung, Bildhauerei, Produktgestaltung, Architektur, Kunst, Bildbetrachtung, Schriftgestaltung, Spiel, dramatisches Gestalten, Werbung, Plakatgestaltung, Radierung, Hochdruck, Fotografie, Keramik, Kunstgeschichte, Informationsgestaltung, Webdesign, Performance, Tuschzeichnung, Relief, Kinderzeichnung, Inszenierung ....
Das Schulfach, in dem dies alles vorkommt oder vorkommen kann, heißt in der Regel Kunst, obwohl diese nur einen Teil des Unterrichts ausmacht. In den fachdidaktischen Aufsätzen der letzten Jahre zeigen sich unterschiedliche Auffassungen darüber, was der Gegenstand des Faches ist. Den einen geht es vor allem um kulturelle Bildung und um das Verstehen der Bilder, die anderen setzen voll und ganz auf die aktuelle Kunst und ihre Verfahren. Überraschend wenig ist von Architektur, Produkt- und Umweltgestaltung zu lesen, obschon doch alle Schülerinnen und Schüler gerade in diesen Bereichen Entscheidungen treffen und die Welt gestalten. Die Autoren, die sich an der aktuellen Kunst orientieren, verstehen das Fach weniger von seinen Inhalten her – niemand stellt einen wie auch immer gearteten Kanon auf. Unter dem Motto „Kunst als Methode“ (um den Titel des Buches von Thomas Lehnerer „Methode der Kunst“ ein wenig abzuwandeln) wollen sie kunstnahe Methoden vermitteln, die es den Schülerinnen und Schülern ermöglichen - im Zweifelsfall als Lebenskünstler[i] - in der Welt zurechtzukommen und eine entsprechende Persönlichkeit[ii] aufzubauen.
Zu wissen, worum es in einem Fach geht und dies auf einen möglichst schlüssigen Begriff zu bringen, ist nicht nur die Voraussetzung für allfällige didaktische und methodische Entscheidungen auf allen Ebenen eines Faches – von der konkreten kleinsten Handlung im Unterricht bis zum Erstellen von Rahmenrichtlinien – dies ist auch eine wichtige Grundlage in fachpolitischen Argumentationen.
Mein Beitrag will das Fach Kunst nicht neu erfinden. Ich will lediglich vorschlagen, die Aufgaben und Inhalte des Faches ein wenig anders zu sehen und zu lesen, um so vielleicht ein wenig Klarheit in die fachdidaktische Diskussion zu bringen und die Legitimierung des Faches auf sichere zukunftsfähige Fundamente zu stellen.
Aufgabe der Kunstpädagogik Die Aufgabe eines Schulfaches ist, den Schülerinnen und Schülern möglichst umfassende relevante Kenntnisse und Fähigkeiten in dem Fachgebiet zu vermitteln, das Gegenstand des Faches ist. Die Schülerinnen und Schüler sollen im Stande sein, es verantwortungsvoll und angemessen anwenden zu können. Das Fach, die Logik des Gegenstandes und die geistige Entwicklung der Schülerinnen und Schüler bestimmen, was gelernt werden soll. Das ist die traditionelle und weitgehend vorherrschende Sichtweise.
Schule und Unterricht lassen sich aber auch anders lesen:
Die Dienstleistung Schulunterricht soll bei Kindern und Jugendlichen die Konstruktion von Weltmodellen (Wirklichkeitsmodellen) anregen, die ihnen ermöglichen, in der Welt zurechtzukommen. Die Lerngegenstände werden nicht primär aus der Logik der einzelnen Wissensgebiete bestimmt, sondern von ihrer Bedeutung im Hinblick auf die Bewältigung des Lebens. Kunstunterricht ist ein Teil der Schule und als solcher muss er seinen Beitrag zum Erreichen dieses Zieles leisten. So beschrieben muss sich der Gegenstand des Kunstunterrichts an den (gegenwärtigen und zukünftigen) Bedürfnissen der Kunden[iii], der Kinder und Jugendlichen orientieren.[iv]
Bei der Dienstleistung Schule ist es schwierig das Kundeninteresse zu ermitteln. Zunächst sind die Schülerinnen und Schüler im marktwirtschaftlichen Sinne keine echten Kunden. Nicht sie, sondern die Eltern und die Gesellschaft fragen den Unterricht nach, bezahlt wird er von der öffentlichen Hand. Unterricht ist auf Fähigkeiten und Einstellungen gerichtet, die sich zum Teil erst weit in der Zukunft ‚auszahlen‘, zeitnahe Bewertung ist schwierig. Die Eltern interessieren sich vor allem für die Zeugnisse, also den manifesten schulischen Erfolg ihrer Kinder, der ihnen ein (finanziell) erfolgreiches Berufsleben ermöglichen soll.
Innerhalb der Schule konkurrieren die verschiedenen Fächer untereinander um Geldmittel und um Anteile an den Stundentafeln. Schulfächer, die plausibel machen können, dass das, was sie vermitteln, für das Leben der Kinder und Jugendlichen und für das bezahlende Gemeinwesen wichtig ist, gewinnen oder erhalten ihre Anteile, andere verlieren entsprechend.
Die Voraussetzung für die weitere Existenz der Kunstpädagogik als Schulfach ist, dass das, was in dem Fach gelernt wird, für unentbehrlich gehalten wird.
In einer Welt, in der Bilder und ästhetische Gestaltung eine wichtige Rolle spielen, sollte sich ein Fach, in dem es genau darum geht, mühelos rechtfertigen können.
Es ist schwer verständlich, dass die Kunstpädagogik dennoch immer wieder Schwierigkeiten hat, ihren Anteil am Unterricht zu behaupten.
Folgende Gründe könnten dafür mitverantwortlich sein:
  • Das Fach beschäftigt sich gar nicht oder nur wenig mit den gesellschaftlich einflussreichen Bildern.
  • Dem Fach gelingt es nicht, seinen Gegenstand genau zu definieren.
  • Es gelingt nicht, seine besondere Relevanz sichtbar zu machen.
  • Der Unterschied zwischen dem, was Menschen wissen und können, die den Kunstunterricht besucht haben, und dem, was Menschen wissen und können, die ihn nicht besucht haben, ist so gering, dass der Schluss naheliegt, im Fach „Kunst“ werde nichts gelernt.
Der Gegenstand des Faches Wer Leute fragt, was sie für den Gegenstand schulischen Kunstunterrichts halten, bekommt mehr oder minder ähnliche Antworten: Kunst, Kunstgeschichte, Kreativität, bildnerische Praxis... Auf die Frage, wozu Kunstunterricht gut sei, antworten die meisten, dass er neben einer kulturellen Allgemeinbildung vor allem dem Ausgleich diene, quasi als Psychohygiene, im schwierigen Geschäft des schulischen Lernens.[v] Fragt man, ob Wissen in Kunst und Kunstgeschichte und die Fähigkeit Bilder zu machen für den „Erfolg im Leben“ entscheidend sei, so schüttelt die große Mehrheit den Kopf. Kunst gilt als Luxus, wertvoll aber nicht unbedingt notwendig. Die Kreativität gilt dagegen als bedeutend für Wirtschaft und Beruf. Allerdings ist Kreativität ein Verhaltensprinzip und weder für ein bestimmtes Schulfach noch für die Kunst spezifisch. Alle Fachdidaktiken fordern mehr oder weniger explizit die Förderung des kreativen Lernens. Damit lässt sich keine nachhaltige Positionierung des Faches erreichen.
Worum geht’s dann im schulischen Kunstunterricht? Es geht darum, dass die Schülerinnen und Schüler lernen, in der Welt der Bilder und der Gestaltung zurechtkommen. Genau das ist der gemeinsame Nenner der Aufzählung am Anfang.
Ich möchte vorschlagen, den Gegenstand des Faches als die ästhetisch erzeugte Wirklichkeit zu bestimmen. Damit wird das, um was es momentan geht, ebenso erfasst wie das, worum es schon immer ging und worum es gehen wird. Alles, was derzeit in Rahmenrichtlinien, Lehrplänen und fachdidaktischen Publikationen als Gegenstand beschrieben oder gefordert wird, passt unter diesen Begriff..
Wirklichkeit Wirklichkeit verstehen wir heute als eine Konstruktion, die die Voraussetzung dafür ist, dass wir in der Welt zurechtkommen. Den Begriff verwenden wir für das Modell, das jeder lebende Organismus auf der Grundlage seiner biologischen Ausstattung in seinem jeweiligen Leben konstruiert, und wir verwenden ihn auch für die Modelle, die soziale Systeme als „Kultur“ bereitstellen. Soziale Wirklichkeit ist idealtypisch das Ergebnis der Abstimmung der Wirklichkeiten der einzelnen Individuen, soziale Wirklichkeit ist Übereinkunft. Mit einem derartigen Wirklichkeitsbegriff erfassen wir also sowohl die individuellen als auch die intersubjektiven Konstrukte.
Aufgrund der Geschlossenheit unseres Nervensystems können wir nicht entscheiden, ob diese Konstruktionen der „Wahrheit“ entsprechen, wir können lediglich sagen, dass sie sich bis jetzt bewährt haben. 
erzeugte Die Wirklichkeit wird täglich neu konstruiert, verändert oder gefestigt. Wir lernen, indem wir unsere Routinen festigen oder auch ändern. Ebenso wird die soziale Wirklichkeit täglich neu ausgehandelt, gefestigt und verändert. Zu verstehen, dass die Wirklichkeit plastisch ist, und in jedem Augenblick erzeugt wird, ist nicht zuletzt politisch eine wichtige Einsicht; denn was gemacht ist, lässt sich ändern. Wenn soziale Wirklichkeit eine Übereinkunft ist, die dauernd neu verhandelt wird, dann sind auch alle in irgendeiner Weise dafür verantwortlich.[vi]
ästhetisch Ist ein schwieriger Begriff. Zunächst wurde er auf Kunstwerke und auf die mit ihrer Rezeption verbundene „sinnliche“ Erkenntnis angewendet, jene Erkenntnis, die sich mit der Betrachtung des Schönen einstellt. Das Schöne, das diese Erkenntnis zulässt oder ermöglicht, ist das Außergewöhnliche, das Besondere. Im Laufe der Zeit ist der Begriff für alle sinnlich wahrnehmbaren Erscheinungen verwendet worden, an denen sich Erkenntnisse gewinnen lassen. Gegenstände werden zu ästhetischen Gegenständen erst durch die Art, wie sie rezipiert werden. Einen Gegenstand als einen ästhetischen wahrzunehmen bedeutet, ihn bewusst wahrzunehmen, aus dem Hintergrund und dem Strom der Ereignisse abzuheben und ihn als „Zeichen“ zu interpretieren. Vor allem das Unerwartete und Außergewöhnliche drängt sich in das Feld unserer Aufmerksamkeit, Wiederholungen und Routinen bleiben meist unter der Wahrnehmungsschwelle. Kunstpädagogik konzentriert sich aus nahe liegenden Gründen auf das Außergewöhnliche, die Kunst und das Meisterwerk. An der Alltagsästhetik[vii] problematisiert sie jene Aspekte, die kommunikative und repräsentative Bedeutung haben. In den praktischen Aufgaben sollen Schülerinnen und Schülern neue Ideen und individuelle Zugängen zur Welt finden und verwirklichen. Das Außergewöhnliche ist nur ein kleiner Teil dessen, was unsere Wirklichkeit ausmacht. Wirklichkeit ist vor allem Wiederholung, nur sie gibt uns jene Sicherheit, die uns in der Welt angemessen handeln lässt.[viii] Wiederholungen sind für unsere Wirklichkeit wenigstens so bedeutend wie die ästhetischen Gegenstände. Wenn die Kunstpädagogik Verständnis für die Wirklichkeit wecken will, die sich aus der Wahrnehmung ergibt, dann müsste sie sich auch darum bemühen, diese beinahe unsichtbaren Wiederholungen zu ästhetischen Gegenständen oder Episoden zu machen, damit sie sichtbar werden.
Was gibt’s zu lernen?  An der ästhetisch erzeugten Wirklichkeit lassen sich meines Erachtens drei große Lernbereiche voneinander unterscheiden:
Verstehen – um zu verstehen wie diese Welt ist und wie in ihr angemessen gehandelt werden kann, ist es nötig, die Mechanismen und Bedingungen, die das Spezifische der ästhetischen Welt ausmachen, zu kennen und zu verstehen.
Erfinden – wie lassen sich neue ästhetische Wirklichkeiten entwickeln und verwirklichen.
Beeinflussen – es genügt nicht, zu verstehen wie die ästhetisch erzeugte Wirklichkeit zustande kommt und wie ich neue Sichtweisen erfinde, es ist  genauso wichtig zu lernen, wie sich die Konstruktionen der Wirklichkeit beeinflussen lassen.
Wir haben hier die drei Aspekte, die schon im Zentrum der Kunstpädagogik sind: Analyse, Kreativität und Kommunikation[ix].
Fazit:
Von der hier vorgeschlagenen Lesart des Fachgegenstandes erwarte ich mir eine präzisere fachdidaktische Diskussion und vor allem eine langfristige Legitimierung des Faches, denn es kann wohl niemand im Ernst die Bedeutung der ästhetisch erzeugten Wirklichkeit bestreiten. Wer das Fach, das diese zum Gegenstand hat, kürzen oder aus dem verbindlichen Fächerkanon herausnehmen will, muss einiges erklären:
  • Wie kann man besser die kreative Vorstellungskraft entwickeln?
  • Warum muss sprachliches nicht aber visuelles Kommunizieren gelernt werden?
  • Warum dürfen angehende Staatsbürger nicht lernen kompetent mit Gestaltung umzugehen?
  • Warum sollen angehende Staatsbürger über zentrale Medien der Wirklichkeits- und Informationsvermittlung nicht aufgeklärt werden?
Wer hier Kinder und Jugendliche ohne Orientierungswissen und Handlungskompetenz lässt, setzt sich dem Verdacht aus, unmündige Untertanen heranziehen zu wollen.
 
Veröffentlich in:  Kirchenmann, Johannes/ Wenrich,Rainer/  Zacharias, Wolfgang (Hg.): Kunstpädagogisches Generationengespräch - Zukunft braucht Herkunft, München kopaed-verlag 2004, S.183-186
Jänner 2004
[i] Vgl.  verschiedene Beiträge in: Buschkühle, Carl-Peter (Hrsg.): Perspektiven künstlerischer Bildung – Texte zum Symposium Künstlerische Bildung und die Schule der Zukunft, Salon Verlag Köln 2003
[ii] z.B. die biografischen Ansätze in: Blohm, Manfred (Hrsg.): Berührungen & Verflechtungen – Biografische Spuren in ästhetischen Prozessen, Salon Verlag Köln 2002
[iii] Wenn Schülerinnen und Schüler als Kunden gesehen werden und sich als solche verstehen, verändert sich das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler, die Schülerinnen und Schüler fragen Bildung nach, die die Schule anbietet.
[iv] Was Richtlinien und Lehrpläne in der Regel tun und in Zukunft noch mehr tun werden, wenn sie sich noch mehr an den Anforderungen der PISA-Studien orientieren werden.
[v] 1998 ließ der BDK Bayern rote und blaue Schirmmützen mit dem Satz „Schule ist langweilig ohne Kunst“ bedrucken und kostenlos verteilen.
[vi] Zumindest als Konsumenten beeinflussen wir alle mit unseren Kaufentscheidungen und der Medienauswahl unsere und der anderen Wahrnehmungsangebot und die darin möglichen Wirklichkeitskonstruktionen.
[vii] Allein dass wir die Alltagsästhetik von der Ästhetik abgrenzen, zeigt, dass es in der Ästhetik um das Besondere und Außergewöhnliche geht.
[viii] Das ist der Kulturbegriff der Soziologie.
[ix] Die soziale Wirklichkeit ist mehr als das Ergebnis von kommunikativen Übereinkünften. Das gemeinsame Erleben und Erfahren gleicher Medien- und Produktumwelten spielen ebenso eine Rolle.