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Franz Billmayer: Viele Bilder, überall
Bildkompetenz in der Mediengesellschaft

Dieser Text ist eine leichte aktualisierte Fassung der Veröffentlichung in: Gabriele Lieber (Hrsg.) Lehren und Lernen mit Bildern - Ein Handbuch zur Bilddidaktik Schneider Verlag Hohengehren, 2008 (S. 72 - 80)

Die Bilder sind überall

Bilder, das wird ständig wiederholt, spielen in der so genannten Mediengesellschaft eine zentrale Rolle. Die Aussage ist banal, trivial und richtig. Gerade erleben wir im Internet eine neue Steigerung der verfügbaren Bilder: Chad Hurley, einer der drei Gründer von youtube.com, berichtet, dass pro Minute acht Stunden Videomaterial auf youtube.com gestellt[1] werden, flickr.com hat schon vor Monaten das 2 milliardste Bild annonciert, auf google-maps finden sich immer mehr Bilder, die zeigen, wie es auf der Welt aussieht – fotografiert von Laien. Die Digitalkamera macht das Bildermachen einfach und billig, das Internet deren Veröffentlichung. Bilder informieren, motivieren[2] und unterhalten uns, sie verschönern unsere Umgebung. Sie sind überall und überall wirksam, daran zweifelt niemand mehr. Selbst die Wissenschaft wird zunehmend von ihnen beeinflusst: was gut visualisiert ist, überzeugt, wer seine Ideen (visuell) überzeugend darstellen kann, erhält Forschungsmittel[3]. Bilder spielen in so gut wie allen Bereichen des Lebens eine Rolle: zu wissen, wie sie funktionieren und wie sie verwendet werden können, ist damit sicherlich eine Schlüsselkompetenz[4] . Bildtheorie ist längst ein wichtiger Bestandteil der Erkenntnistheorie.

Nicht alle sind sich einig, ob diese Schlüsselkompetenz speziell erworben werden muss oder ob sie nicht einfach automatisch durch Mediengebrauch entsteht. Die allermeisten Bilder verstehen wir ohne Mühe: den wenigstens fällt auf, dass es überhaupt etwas zu verstehen gibt. Zu sehen, was auf Bildern drauf ist und was sie bedeuten, haben wir schon als Kleinkinder gelernt. Die Schlüsselkompetenz Bilderverstehen und -verwenden erwerben wir offensichtlich ohne Anstrengung und nebenbei. Aus dem Grund macht sich außerhalb der Kunstpädagogik kaum jemand dafür stark, Bildkompetenz systematisch und institutionalisiert in der Schule zu entwickeln und zu fördern[5]. Bilder gelten vielleicht auch deshalb als unproblematisch, weil sie aufgrund des fehlenden Bildunterrichts[6] nicht „problematisiert“ werden. Anders ist es mit dem Bilderherstellen, das wird als schwierig verstanden und erlebt…, aber das ist durch entsprechende Apparate und Bildbearbeitungsprogramme letzten Endes auch kinderleicht geworden… und offensichtlich kommen wir auch ohne diese Kompetenzen zurecht.

In der Kunstpädagogik sind sich viele[7] darin einig, dass Bilder heute zur Wirklichkeitskonstruktion wesentliches beitragen und dass der Kunstunterricht der richtige Ort für die Vermittlung entsprechender Kompetenzen ist. Uneinigkeit herrscht darüber, wie das zu bewerkstelligen ist. Viele gehen davon aus, dass die Kunst nach wie vor die geeignete Orientierung auch für die vielen Bilder des Medienzeitalters bietet. Die Argumente gehen in zwei Richtungen: die Kunst spiegelt wesentliche Momente unserer Kultur und damit auch die Medien und sie reflektiert dabei immer auch die eigenen medialen Mittel. Diese Argumente erscheinen weitgehend herbeigeredet, es gibt nämlich viele Beispiele in der Kunst, auf die das nicht zutrifft.
Dieser Text vertritt die Auffassung, dass mit der Orientierung an der Kunst wesentliche Aspekte der gesellschaftlich und kulturell relevanten Bilder übersehen werden und die Kunst sich also nur bedingt als (einzige) Orientierungsdisziplin für die Entwicklung von Bildkompetenz eignet[8].

Die Bilder in der Mediengesellschaft

Bilder sind - wie gesagt - wichtige Mittel der Medien. Die Medien helfen, die Gesellschaft zu koordinieren und die Wirklichkeiten der einzelnen Mitglieder aufeinander abzustimmen. Medien schaffen und organisieren die Wirklichkeit und damit die Gesellschaft[9]. Wenn wir uns über das Bilderverstehen und Bilderverwenden als Schlüsselkompetenz im Medienzeitalter klar werden wollen, dann müssen wir uns anschauen, wie diese Bilder beschaffen sind und welche Rolle sie spielen.

Viele Bilder

Zunächst fällt im Vergleich zu früheren Zeiten die enorme Anzahl der Bilder auf, die um unsere Aufmerksamkeit werben, uns jederzeit zugänglich sind und uns einfach dadurch beeinflussen, dass sie in unseren Augen sind. Die Bilder übersteigen unser Wahrnehmungsvermögen. Auf flickr.com werden nach meinen Beobachtungen pro Minute zwischen zwei und fünf Tausend Bilder hochgeladen. Bei youtube.com haben wir es mit einem Faktor 480 zu tun. Bilder werden im Vorbeigehen gesehen, nur ganz wenige länger und genauer angeschaut. Die Bedeutung einzelner Bilder verschwindet hinter ihrer großen Zahl.

Leicht verständliche Bilder

Wahrnehmung ist immer Interpretation und damit potentiell mit mehr oder weniger großer Anstrengung verbunden. Wahrnehmung verbraucht Ressourcen in Form von Zeit und Konzentration. Damit die schnellen Bilder leicht den Weg in unser Bewusstsein finden, werden sie so konstruiert, dass sie sofort „verstanden“ werden können, dass das, was sie darstellen, sich mühelos erkennen lässt. Das ist eine Frage der Wahrnehmungsökonomie, je automatischer die Wahrnehmung abläuft, desto schneller geht das. Dazu müssen bestimmte Darstellungskonventionen eingehalten werden. Das paradigmatische Bild ist das fotografische Bild, seine Konstruktion entspricht in etwa unserem Augenbild.
Bilder werden für Kommunikation eingesetzt. Zur Kommunikation gehören immer zwei, der Sender und der Empfänger. Kommunikationssituationen lassen sich darin unterscheiden, wer für das Gelingen der Kommunikation verantwortlich ist, der Sender oder der Empfänger. In der aktuellen Mediengesellschaft ist dies weitgehend der Sender. Bilder werden so konstruiert, dass das Publikum sie leicht versteht[10].
In Zeitungen, Zeitschriften, im Fernsehen und auf Internetportalen werden Bilder zur Information, zur Motivation und zur Argumentation eingesetzt: sie sollen Sachverhalte zeigen, Interesse an den Botschaften wecken und deren Echtheit und Wahrheit bezeugen. Die Aufmerksamkeit des Publikums soll geweckt und gehalten werden.
Damit das Publikum schnell versteht, was gemeint ist, werden Stereotypen eingesetzt. Stereotypen sind also strukturell bedingt und nicht die Folge von manipulativen Machenschaften. Sie erleichtern und verbessern die Kommunikation und verfestigen andererseits dadurch die Klischees, die unsere Wirklichkeit ausmachen. Die immer gleichen Bilder führen zu einer automatischen Interpretation, aus Bildern werden im Sinne von Rudi Keller Symbole.[11]

Infobilder und Infografiken

Bilder lassen sich schneller und vielfach besser erfassen als Texte und Zahlentabellen. So werden abstrakte Sachverhalte gerne visualisiert und damit als Bilder konkret: Statistiken, Streckennetze, Landkarten, Gebrauchsanweisungen. Mit entsprechender Software lassen sich mit einfachen Handgriffen aus Datentabellen aufregende Diagramme zeichnen, die die unanschaulichen Zahlen konkret werden lassen. Hier handelt es sich um Vereinfachungen, die der Brauchbarkeit wegen viele Eigenschaften der Welt ausklammern oder durch entsprechende Skalierung Entwicklungen dramatisieren.

Schöne Bilder – schockierende Bilder

Viele Untersuchungen deuten daraufhin, dass schöne Bilder mehr beachtet werden und als vertrauenswürdiger gelten als hässliche. Andererseits machen schockierende Bilder neugierig. Die Medien sind von beiden bestimmt: die schönen Bilder finden sich dort, wo Überzeugung und Aufmerksamkeit im Fordergrund stehen – Werbung, PR; schockierende Bilder dort, wo es um Skandale und Neuigkeiten, um Aufmerksamkeit als solcher geht, in den Nachrichten. McLuhan unterscheidet in diesem Zusammenhang zwischen bad news (das, was wir gemeinhin als Nachrichten bezeichnen) und good news (das, was wir gemeinhin als Werbung bezeichnen). Die bad news schaffen den Rahmen und das Umfeld, von dem sich die Werbung als besonders gute Nachricht abhebt.

Bilder im Kunstunterricht

Die Kunstpädagogik hat sich Ende des 19. und vor allem Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt. Die Kunsterziehungsbewegung stellt sich damals dezidiert gegen den Zeichenunterricht, dem es vor allem um Darstellungskompetenz ging, und setzt auf die Kunst als erzieherische Kraft. Diese gilt es zu erschließen und für die Kinder und Jugendlichen nutzbar zu machen. Seitdem ist die „Kunstvermittlung“ eine zentrale Aufgabe: das Laienpublikum muss vom Wert der Kunst überzeugt werden, die schließlich nur wirken kann, wenn ihr ein entsprechend hoher Einfluss zugestanden wird[12]. In den letzten Jahren und Jahrzehnten stellt sich allerdings heraus, dass die bildende Kunst eine Erscheinung ist, auf die der Begriff Szene passt. Der Kunstpädagogik ist es in den letzten hundert Jahren nicht gelungen, die Kunst von ihrer Bindung an eine bestimmte soziale Schicht zu befreien. Ein Kunstunterricht, dessen Ziel allgemeine Akzeptanz, Bewunderung und „Verständnis“ für Kunst ist, muss wohl aus strukturellen Gründen scheitern.

Gute Bilder, schlechte Bilder

Die Kunst war bis in die 1970er Jahre von der Vorstellung bestimmt, dass ihr „Wesen“ in der formalen Qualität liege. Kunst war gleich gute Kunst[13]. Schlechte Kunst war ein Widerspruch; was so aussah wie Kunst, aber keine war, war Kitsch. Wie ihre Bezugsdisziplin die Kunst teilt(e) auch die Kunsterziehung die Welt in gute und schlechte Bilder ein. Zu den guten gehör(t)en Kunstwerke, Kinderzeichnungen und Volkskunst – daneben auch „gut gemachte“ Werbung und Gestaltung. Zu den schlechten zähl(t)en Kitsch, Massenproduktion, kommerzielle Bilder. Grob vereinfacht stammen die guten Bilder von Individuen, die selbstbestimmt mit einer entsprechenden „Haltung“[14] handwerklich oder „künstlerisch“ arbeiten. Die schlechten entstammen einer mehr oder weniger industriell organisierten und am Markterfolg orientierten Produktion. Ziel des Unterrichts ist, diese Unterscheidung zu lernen, anzuwenden und anzuerkennen. Die Kinder und Jugendlichen sollen in den Genuss der guten Bilder kommen und vor den Versuchungen und Lügen der schlechten bewahrt werden.
Früher waren das Comics und Werbung heute sind es die Computerspiele und immer noch die Werbung – auch wenn sich vorsichtigere Fachvertreter davor hüten, die Dinge beim Namen zu nennen. Der Begriff gut mag heute durch relevant, komplex oder different ersetzt werden, als Subtext sind die Ideen der guten und schlechten Bilder immer noch wirksam. Und? Die meisten Bilder der Mediengesellschaft werden eher zu den schlechten gerechnet. (Hier ein Vortrag von Christian Demand zur Frage der Qualität in der Kunst MP3 - 87MB "Haltung. Wie viel Ethos braucht Design?")

Das Einzelwerk

Das Kunstwerk und das analog dazu hergestellte Kinderbild sind die Paradigmen des traditionellen Kunstunterrichts. Diese Bilder werden grundsätzlich als einzigartig und individuell angesehen. Unterrichtsziel und -gegenstand sind eigenständige Arbeiten, die vom Subjekt aus begründet werden. Aber: Die Bilder, die die Mediengesellschaft schon rein mengenmäßig bestimmen, werden nach Markterfordernissen geplant, hergestellt und verteilt. Sie wenden sich an viele und sind das Ergebnis von Arbeitsteilung.
Den Bildern der Kunst wird unterstellt, dass sie als Meisterwerke komplex und grundsätzlich schwer verständlich sind. Kunstbetrachtung und Kunstanalyse wurden in der Kunstpädagogik dazu entwickelt, solche schwierigen Bilder zu verstehen[15]. Die leichtverständlichen Bilder können mit diesen auf das einzelne Bild ausgerichteten Methoden nur teilweise erfasst werden. Publikationen, die sich um die Entwicklung von Bildkompetenz verdient machen, und sich um diese kümmern, enthalten fast nur Beispiele aus der Kunst.[16]

Besonderheiten des Visuellen

Um die nötigen Kompetenzen beschreiben zu können, müssen wir uns kurz anschauen, was das Besondere der Bilder ausmacht: warum sie in den Medien derartig erfolgreich sind.
Bilder sind schnelle Schüsse ins Gehirn
In Untersuchungen zeigt sich immer wieder, dass Bilder schneller und länger gemerkt werden als Wörter oder gar Texte. Der Verhaltens- und Konsumforscher Kroeber-Riel[17] nennt Bilder deshalb „schnelle Schüsse ins Gehirn“. Wie schon erwähnt: wir können bei den allermeisten Bildern nicht entscheiden, ob wir sie auf der piktoralen Ebene wahrnehmen oder nicht. Wir sehen unwillkürlich, was drauf ist. Dieser Vorgang geht so schnell und automatisch, dass uns auch nicht bewusst wird, dass wir ein Bild sehen. Ebenso wenig wie wir bei der normalen Wahrnehmung merken, dass wir interpretieren, merken wir das bei solchen Bildern. Indem wir in das Bild fallen, fallen wir drauf rein.

Bilder sind Prädikate

Bilder, ganz für sich genommen, können alles Mögliche bedeuten. Wer mit Bildern etwas mitteilen will, muss sagen, worüber das Bild ist. In der Kommunikation gleicht ein Bild einer Satzaussage, der der Gegenstand fehlt. Der Gegenstand, über den das Bild ist, ist nicht im Bild, er muss genannt werden: in der Bildunterschrift oder im Kontext. Bilder der Kunstgeschichte sind fast immer deshalb schwer verständlich, weil wir nicht (mehr) wissen, wovon sie gehandelt haben. Die Bemühungen um das Verstehen dieser Bilder gelten der Rekonstruktion des Gegenstandes, der eben nicht im Bild zu finden ist.
Bilder der modernen Kunst werden schon von Anfang an so hergestellt, dass sie nicht eindeutig verstanden werden können. Das geht am einfachsten, wenn der Gegenstand mehr oder weniger unklar gehalten wird. So kann das Publikum jeweils die eigenen Interpretationen herauslesen: das Werk kann eine entsprechende Tiefe beanspruchen und immer wieder neu interpretiert werden. Diese offene Interpretation nutzt auch die Werbung. Die Bilder sind so ausgewählt, dass wir uns darin „wieder finden“ können, ohne den beworbenen Gegenstand aus den Augen zu verlieren.

Bilder sind konkret

Die Probleme, die der Pilot mit dem Wunsch des kleinen Prinzen: „Zeichne mir ein Schaf.“ hat sind bekannt. Was er auch zeichnet, immer hat der Auftraggeber etwas auszusetzen. Bilder sind immer konkret. Die Lösung: er zeichnet eine Kiste, in der sich das gewünschte Schaf befindet. Die Kiste ist der Begriff oder besser das Wort Schaf. Bilder sind immer konkret, sie bilden immer etwas in einer ganz bestimmten Art und Weise ab.

Kompetenzen

Eine Bildkompetenz, die ihre Funktion als Schlüsselkompetenz erfüllen kann, setzt Wissen und Verständnis verschiedenen Feldern voraus. Im Folgenden werden die Aspekte aufgeführt, die sich nicht „automatisch“ durch den Gebrauch ausbilden, sondern systematisch erworben werden müssen.
Grundsätzlich plädiere ich für einen pragmatischen Blick: Bilder sind Mittel, die zur Lösung verschiedener Probleme beitragen. Ich plädiere hier also für einen medialen Blick auf die Bilder. Bilder sind keine absoluten Größen mit unveränderlichen Wahrheiten, grundsätzlich können sie durch andere Mittel (Medien) ersetzt werden können. Durch diesen Blick werden die Bilder als solche sichtbar.

Bilder als Zeichen

Bilder werden hergestellt, um interpretiert zu werden. Bilder sind Zeichen mit eigenen Regeln und Gesetzen. Diese zu verstehen, bildet selbstverständlich die Grundlage für alle anderen Bildkompetenzen, für die Produktion und Auswahl ebenso wie für die Rezeption[18].

Viele Bilder und Stereotypen

Wie wir gesehen haben, treten Bilder vor allem in der so genannten Massenkommunikation aus strukturellen Gründen als Stereotypen auf. Nur so kann diese Form der Kommunikation unter den heutigen Bedingungen gelingen. Diese Bilder sehen immer irgendwie gleich aus, sie bilden die Welt ab, aber nur einen bestimmten Ausschnitt. Sie „stellen“ die Welt dar und verfestigen damit unsere Weltsicht. Wir kennen viele Beispiele aus der Genderforschung aber auch aus der Forschung zu bestimmten politischen Themen. Die Stereotypen müssen als solche sichtbar gemacht werden, da wir sonst von falschen Voraussetzungen ausgehen. Diese „Relativierung“ wird nicht einfach so erworben, sie muss unterrichtet und gelernt werden.

Bilder als Werkzeuge (visuelle Rhetorik)

Bilder werden als Werkzeuge in der Kommunikation eingesetzt. Wer mit Bildern kommunizieren will, muss wissen, welche Bilder in welchen Situationen für welche Zwecke geeignet sind. Es genügt nicht, nur zu wissen, wie man sich jeweils selbst den Bilder gegenüber verhält, welche Wirkungen sie auf einen selbst haben. Um Bilder adäquat einsetzen zu können sollten Grundbegriffe der visuellen Rhetorik bekannt sein: Welche Bilder gelten bei der entsprechenden Zielgruppe als vertrauenswürdig? Welche Bilder wecken Aufmerksamkeit? Welche Bilder machen betroffen? Welche Bilder überzeugen? Welche Bilder sind überzeugend und glaubwürdig? Welche Vorteile und welche Nachteile haben Bilder in der Kommunikation?[19]
Dabei geht es heute weniger darum, selbst Bilder herstellen zu können, als vielmehr die richtigen auszuwählen oder in Auftrag zu geben. Die Bildauswahl muss hier zwischen der innovativen Lösung, die Aufmerksamkeit gewinnen kann, und der leicht lesbaren Lösung, die eventuell langweilig wirken kann abwägen können.

Bilder als Äußerungen

Bilder werden für verschiedenste kommunikative Zwecke verwendet. Das Publikum muss in der Lage sein, die jeweiligen Zusammenhänge zu erkennen, in denen die Bilder verwendet werden. Es muss unterscheiden können zwischen persönlichen und kulturellen Assoziationen, also den subjektiven und intersubjektiven Bedeutungen. Es muss unterscheiden können zwischen offensichtlichen und verborgenen Absichten, welche Bilder spielerisch oder ironisch und welche „ernst“ gemeint sind, welche Bilder eine offene Interpretation erlauben, welche ein geschlossene brauchen.[20] Das Publikum muss wissen, wie es sich mit den Bildern und den Bildunterschriften verhält, wie sich Fiktion und Nachricht unterscheiden, dass Äußerungen vom Genre und Stil beeinflusst werden.

Bilder in Medien

Vieles von dem, was wir wissen und was unsere politischen, ökonomischen und persönlichen Entscheidungen betrifft, wissen wir aus den Medien. Die Medientheorie ist deshalb die Erkenntnistheorie der Mediengesellschaft. Mitglieder dieser Gesellschaft müssen wissen, wie Medien hergestellt werden, wie die Bilder produziert, angeboten, ausgesucht, gekauft und verbreitet werden. Wer ist der Sender? Wer ist das Publikum, der Empfänger? Um welche Form der Botschaft handelt es sich? Welches Medium wird benutzt? Wie wird dieses Medium produziert? Welche Technologien werden verwendet?
Wenn wir Bilder in den Medien verstehen wollen, dann müssen wir auch den dazu gehörenden Text, den Ton und den Zusammenhang in die Analyse mit einbeziehen. Bild und Text beeinflussen sich gegenseitig, lediglich das Bild in den Fokus zu stellen, bringt hier nichts.

Geschichte der Bilder

Das Bild hat als Medium eine lange Geschichte. Diese wird traditionell als eine Geschichte der Kunst- und damit der Meisterwerke erzählt. Die Meisterwerke sind immer besondere Bilder, in denen sich – so eine Voraussetzung der Kunstgeschichte – die jeweilige Zeit besonders verdichtet. Neben diese Kunstgeschichte muss eine Geschichte der normalen Bilder einerseits und eine Mediengeschichte der Bilder andererseits entwickelt und betrieben werden. Der Vergleich zu früheren Bildmedien ermöglicht auch wichtige Einsichten in die Bilder und deren Gebrauch heute. Die Geschichte kann einen Horizont zum Verstehen der Gegenwart bieten.
Bestimmte Bilder sind für die Kultur wichtig, sie sind aus welchen Gründen auch immer in das kulturelle Gedächtnis aufgenommen worden. Diese zu kennen, ist eine Voraussetzung, um bildliche Anspielungen zu verstehen. Zu diskutieren wäre hier, welche Bilder erinnerungspflichtig[21] sind.

Bilder zur Organisation des Wissens verwenden

Bilder lassen sich heute schnell und einfach herstellen und verändern. Bilder sind schnelle Schüsse ins Gehirn, das macht sich nicht nur die Werbung zunutze. Bilder eignen sich dazu, Wissen zu strukturieren, zu organisieren und überschaubar zu machen. Methoden und Anwendungen von Visualisierungen sollten gelernt, geübt und kritisch verwendet werden. Wie lassen sich abstrakte Sachverhalte mit Bildern in Diagrammen und Ähnlichem darstellen und visualisieren? Wie lassen sich Mindmaps zum Wissensmanagement verwenden und so weiter. Welche Bilder können Begriffe oder Sachverhalte prägnant und einprägsam symbolisieren? Wie lassen sich Bilder im Projekt des lebenslangen Lernens fruchtbar machen?

Bilder in der Unterhaltung

Im Zeitalter der Ökonomie der Aufmerksamkeit kämpfen die einzelnen Medien und deren Produkte um die Aufmerksamkeit und vor allem darum, dass das Publikum bei der Sache bleibt. Dazu wird in aller Regel die Strategie „Geschichte erzählen“ verwendet. Geschichten sind in der Unterhaltung zentral und Unterhaltung spielt in unserem Leben eine wichtige Rolle. Unterhaltung dient dem so genannten Zeitvertreib, bestätigt unsere Weltsicht und gleicht unsere soziale Wirklichkeit ab. Unterhaltung ist angenehm, die Beeinflussung unauffällig. Wir müssen wissen, wie Geschichten mit Bildern erzählt werden, wie Bilder beruhigen oder dramatisieren, welche psychologischen und soziologischen Grundlagen Unterhaltung und Werbung bestimmen, wie Fakten von Fiktionen unterschieden werden können. Und: Wie werden Ereignisse inszeniert, damit Bilder herauskommen, die von den Medien registriert und veröffentlicht werden.

Nicht zuletzt: Bildermachen

Fotografisch hergestellte Bilder bestimmen unser privates und öffentliches Gedächtnis und die private und die öffentliche Kommunikation. Bilder halten Familienereignisse fest und dokumentieren einen Schadensfall für die Versicherung. Der richtige Umgang mit Fotoapparat und Videokamera sollte so gesehen zur Grundkompetenz gehören.
Bis vor 200 Jahren wurden Bilder fast ausschließlich von Spezialisten hergestellt. Lese- und Schreibfähigkeiten sind seit Jahrhunderten Gegenstand der Allgemeinbildung. Seit etwa 200 Jahren ist Zeichnen grundsätzlich Gegenstand der Allgemeinbildung, allerdings ist das Bildermachen erst mit der Kleinbildkamera einfach geworden. Die neuen digitalen Kameras, die entsprechenden Bilderzeugungs- und Bearbeitungsprogramme und die einfachen Möglichkeiten der Verbreitung werden Bilder in Zukunft noch mehr als heute zu Kommunikationsmitteln für jedermann machen. Bilderherstellen und –vertreiben ist nicht länger einen Angelegenheit von Spezialisten. Zur erfolgreichen Kommunikation müssen die Grundlagen der visuellen Kommunikation und der visuellen Rhetorik bekannt sein. Bildkompetenz bedeutet also längst nicht mehr „Rezeptionskompetenz“. Um erfolgreich kommunizieren zu können, müssen der Adressat und dessen Vorstellungen berücksichtigt werden. Mit der einseitig am „künstlerischen (Selbst)ausdruck orientierten traditionellen Kunstpädagogik werden wir hier nicht auskommen.

Methoden zur Steigerung der Bildkompetenz

Wie oben ausgeführt ist die Kunstpädagogik nur z. T. für die Bilder im Medienzeitalter gerüstet. Es gilt neue Methoden zum Analysieren und Verstehen von Bildern zu erschließen und nutzbar zu machen. Zum Schluss sollen kurz einige Methoden vorstellt werden, die bisher in der Kunstpädagogik kaum verwendet wurden. Sie können dazu beitragen, die Bildkompetenz weiterzuentwickeln und zu fördern.

Kommutationstest

In der Phonetik werden die Laute, die selbst keine Bedeutung haben aber bei Wörtern Unterschiede machen, die Phoneme, dadurch experimentell gewonnen, dass systematisch Lautfolgen untersucht werden, die sich in nur einem Laut unterscheiden: Sonne, Wonne, Wanne, Kanne, Pfanne …. Diese Methode lässt sich sehr gut auf Bilder anwenden. Wie verändert sich die Botschaft eines Werbebildes, wenn statt einer jungen, eine alte Frau abgebildet ist, wenn der abgebildete Mann statt eines Jacketts ein T-Shirt trägt und so weiter. Dieser Test lässt sich sehr leicht mit Hilfe von Sprache und Vorstellungsvermögen durchführen. Mit seiner Hilfe lassen sich die Bedeutungen in dem jeweiligen konkreten Bild ermitteln. Zudem werden dadurch die in der Werbung eingesetzten stereotypen Bilder schnell und leicht sichtbar.

Quantitative Form- und Inhaltsanalyse

Bilder kommen massenhaft vor und werden entsprechend oberflächlich rezipiert. Eine exemplarische Analyse an einem Exemplar kann das Phänomen nicht vollständig erfassen. In der Kommunikationswissenschaft[22] werden seit Jahren quantitative Verfahren entwickelt, die genau für diese Bilder passen: Welche Kamerastandpunkte und welche Bildausschnitte werden verwendet? Welche Farben herrschen bei bestimmten Werbeanzeigen vor? Wie viele Frauen und wie viele Männer werden auf welchen Seiten von Zeitungen abgebildet? Wie ist die Blickführung von Frauen und Männern? Was geschieht auf den Bildern? Was tun die abgebildeten Menschen? In welchen Umgebungen werden die beworbenen Produkte und Dienstleistungen dargestellt? Wie ist der Bild-Textindex (Verhältnis von Bildern und Text) bei verschiedenen Printmedien? Welche Rolle spielen Bilder in Schulbüchern? …

Botschaften in andere Medien transformieren

Visuelle Botschaften werden in sprachliche Botschaften umgeändert, z. B. werden aus TV-Werbespots solche für den Rundfunk gemacht. Oder umgekehrt sprachliche Botschaften werden in visuelle umgewandelt. Nachrichten und Werbung in verschiedenen Medien werden verglichen (Print, Rundfunk, Fernsehen, Internet, Plakate). Geschichten und deren Verfilmung werden behandelt

Bilder (nach)machen

Das nachmachen von Bildern hat in der Kunstpädagogik eine lange Tradition, ebenso alt ist die Kritik daran. Es sei der Kunst abträglich, stupide und unkreativ. Und die Schülerinnen und Schüler wüssten auch nicht, wozu das gut sein soll. Bilder nachzumachen und dabei leicht zu verändern ist ein probates Mittel, um Bilder in ihrem Aufbau zu verstehen. Es handelt sich hier um eine etwas vergessene Tradition, worauf Wolfgang Ullrich in seinem Buch "Raffinierte Kunst" hinweist. (Hier ein Vortrag von Ullrich zum selben Thema in mp3 - 53MB)

Basics und Luxus

Weite Teile der Kunstpädagogik sind traditionell von einer pathetischen an der Kunst geschulten Rhetorik der umfassenden Zuständigkeit für Bildung und Weltverstehen geprägt. So wie Kunst sich für alles zuständig erklärt, so betreibt das auch die Kunstpädagogik, die den eigenen Ansatz jeweils zum allgemeinen Unterrichtsprinzip erhebt[23]. Die Analyse Wolfgang Ullrichs[24], dass aktuelle Kunst, in deren Rahmen sich KünstlerInnen als Sozialarbeiter, Köche, Sänger oder Historiker betätigen, sich zu einer Hobbykultur entwickelt, passt auch auf viele Forderungen der VKP[25].
Philosophie, Kunsttheorie, Neurobiologie, Kulturtheorie und so weiter werden in der Kunst und in VKP bemüht, um das Fach in hochwertigen intellektuellen Diskursen anzusiedeln und von daher zu rechtfertigen. Aus der Perspektive dieser geistigen Höhen wirken die in diesem Artikel angesprochenen Kompetenzen trivial und banal und laufen Gefahr übersehen zu werden. Mittelfristig wird die Kunstpädagogik sich ihrer Verantwortung bewusst werden und dafür sorgen, dass Bildkompetenz als allgemeine Schlüsselkompetenz im Medienzeitalter entwickelt wird.
 
Literatur:
Bering, K. & Heimann, U. (2004). Kunstdidaktik. Oberhausen: Athena.
Bering, K. & Niehoff, R. (2005). Bilder. Oberhausen: Athena-
Billmayer, F. (2003) „Schau’n ma mal“ , Kunstwerke und andere Bilder, in BDK-Mitteilungen 4/2003
Billmayer, F. (2007) „Bitte setzen“ – Anregungen aus der Rhetorik für den Bildunterricht, in BDK-Mitteilungen 4/07
Billmayer, F. (2008) Mit der Kunst auf den Holzweg? Was die Orientierung an der Kunst in der Pädagogik verhindert. in: Busse, K-P; Pazzini, K-J (Hrsg.) (2008) (Un)Vorhersehbares lernen: Kunst – Kultur – Bild Dortmund (Dortmunder Schriften zur Kunst. Studien zur Kunstdidaktik. Band 6)
Buschkühle, C.-P. (2007) Die Welt als Spiel, Oberhausen: Athena
Hurley, Chad (2007) „Wir wollen auf jeden Bildschirm“, Gespräch auf Welt-Online, 10. Dezember 2007
Keller, R. (1995). Zeichentheorie. Tübingen und Basel: A. Francke Verlag.
Kirschenmann, J. & Wagner, E. (2006). Bilder, die die Welt bedeuten. München: kopaed.
Kroeber-Riel, W. (1993). Bildkommunikation. München: Vahlen.
Kunsterziehung (1902), Ergebnisse und Anregungen des Kunsterziehertages in Dresden am 28. und 29. September 1901
McLuhan, M. (1970). Die magischen Kanäle. Frankfurt am Main: Fischer Bücherei.
Mertens, D. (1974). ”Schlüsselqualifikationen. Thesen zur Schulung für eine moderne
Gesellschaft” zu finden unter: www.panorama.ch/files/2745.pdf
Müller, M. G. (2003). Grundlagen der visuellen Kommunikation. Konstanz: UVK Verl.-Ges.
Pettersson, R. (2007) Literacies in the new millennium, in: ders. Selected Readings, S. 91 – 112, Tullinge im Internet: http://www.bilderlernen.at/theorie/PetterssonSelectedReadings-1.pdf
Rauterberg, H.; Behrisch, S. (2008) Polizeischule oder Ort zum Herumsauen?
Ein Gespräch mit Olaf Metzel (ADBK München) und Christan Demand (ADBK Nürnberg). DIE ZEIT Ausgabe 22 vom 21. Mai 2008, S. 47
Renner, K. N. (2007). Fernsehjournalismus. Konstanz: UVK.
Rötzer, Florian (2007). Gut ist, was am meisten Aufmerksamkeit findet http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24918/1.html
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Vilks, Lars (2001). Bra konst 2001 – Gute Kunst 2001 (deutsch von F.B.) unter http://www.bilderlernen.at/theorie/Gute%20Kunst%202001.pdf


[1] „Wir wollen auf jeden Bildschirm“, Gespräch mit YouTube-Chef Cad Hurley auf Welt-Online, 10. Dezember 2007
[2] bekanntlich bevorzugen die meisten Menschen Botschaften, die Bilder enthalten. Bilder verleiten uns, Zeitungs- und Zeitschriftenartikel zu lesen.
[3] http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24918/1.html
[4] der Begriff lässt sich von Schlüsselqualifikation ableiten. Mertens (1974)
[5] andere überlebenswichtige Techniken wie Kochen, Essen oder Sex werden auch nicht an Schulen vermittelt.
[6] Über weite Strecken ist Kunstunterricht eben das, Unterricht über Kunst. Kunstwerke und Schwerverständliches sind seine Gegenstände, Bilder im hier gemeinten Sinne eher weniger.
[7] Lediglich Blohm (2004) S. 162 scheint dies kritisch zu beurteilen, wenn er sinngemäß anmerkt, es gäbe so viele verschiedene Bildsorten, in denen der Kunsterzieher nicht überall Experte sein könne.
[8] Billmayer (2008)
[9] z. B. Schmidt (1995), S. 21 ff
[10] Weder Werbetreibende noch Politiker können sich bei Misserfolg auf das „Unverständnis“ des Publikums hinausreden. Es heißt immer: „Offensichtlich ist es uns nicht gelungen, unsere Botschaft so zu formulieren, dass sie verstanden worden ist.“ siehe auch Renner (2007), S. 373 ff.
[11] Rudi Kellers unterscheidet die drei Zeichenkategorien Symptome, Ikone und Symbole nach der Art des „Schließens“: Symptome aufgrund kausaler Zusammenhänge, Ikone aufgrund von Ähnlichkeit, Symbole aufgrund von Regeln, die sich durch Wiederholungen herausbilden können.
[12] Lange setzt sich auf dem 1. Kunsterziehertag dezidiert dafür ein, die Kinder „nur zur rezeptiven Genußfähigkeit“ zu erziehen. Kunsterziehung (1902) S.28
[13] eine gute Darstellung der ästhetischen Kunst und der heute geltenden institutionellen bietet Vilks (2001)
[14] Metzel in Rauterberg (2008)
[15] Untertänig wie einem Fürsten gegenüber, vgl. Ullrich (2003) S. 13ff
[16] Bering & Heimann (2004), Bering & Niehoff (2005). Das bayerische Zentralabitur hat noch nie eine Aufgabe zu Bilder außerhalb der Kunst gestellt.
[17] Kroeber-Riel, W. (1993). S. 53
[18] Rudi Kellers instrumenteller Zeichenbegriff passt ausgezeichnet zu dem hier vertretenen pragmatischen Ansatz, Keller (1995)
[19] Billmayer (2007)
[20] Billmayer (2003)
[21] Der Begriff stammt von Christian Demand, siehe auch Kirschenmann & Wagner (2006)
[22] Einen guten Überblick bietet Müller (2003)
[23] Gunter Ottos „Ästhetische Rationalität“ war ein derartiger Ansatz, jüngst formuliert Carl-Peter Buschkühle (2007) mit dem erweiterten Kunstbegriff von Beuys ähnliche Ideen.
[24] Ullrich (2007) S. 93: Hat, kennt, braucht die Kunst Standards?
[25] Veröffentlichte Kunstpädagogik



Franz Billmayer,